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Trauerfeier in Nizza:"Ein Teil von mir ist in dieser Nacht gestorben"

People enjoy the beach on July 17, 2016, in front of the Promenad

Nach dem Attentat legten Trauernde Blumen an der Strandpromenade nieder. Die Folgen des Anschlags sind noch immer zu spüren.

(Foto: dpa)

In Nizza raste am 14. Juli ein Attentäter in eine Menschenmenge. Heute findet in der Stadt eine Gedenkfeier statt. Sieben Bewohner erzählen, was sich in den vergangenen drei Monaten verändert hat.

Mit einer nationalen Gedenkfeier würdigt Frankreich heute die Todesopfer des Attentats in Nizza. Erwartet werden rund 2500 Teilnehmer, unter anderem Präsident François Hollande, Minister und Abgeordnete, Angehörige von Opfern und Überlebende. Vor drei Monaten, am Abend des französischen Nationalfeiertags, hat der aus Tunesien stammende Mohamed Lahouaiej-Bouhlel an der Promenade des Anglais mit einem Lastwagen gezielt Menschen überfahren, 86 getötet und Hunderte verletzt, die sich für ein Feuerwerk versammelt hatten. Die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) hat den Anschlag für sich beansprucht. Bislang sind jedoch keine eindeutigen Verbindungen des Attentäters zur Terrormiliz nachgewiesen worden.

Wie sich die Stadt in den vergangenen Monaten verändert hat, erzählen hier Augenzeugen, ein Sprecher der Opfer, ein Vertreter der muslimischen Gemeinde, eine Psychologin, die in Nizza gegen die Radikalisierung von Jugendlichen kämpft, und weitere Betroffene.

Vincent Delhomel-Desmarest, Generalsekretär der Opferorganisation Promenade des Anges:

"Ich habe in einem Restaurant gearbeitet, das direkt an der Promenade liegt, auch in der Nacht des Attentats. Aber dorthin kann ich nicht wieder zurückkehren. Die Erinnerungen an all die verwundeten und verletzten Menschen, die Kinder, die Schreie und der Lärm werden mich mein ganzes Leben lang verfolgen. Ein Teil von mir ist in dieser Nacht gestorben. Zurzeit bin ich nicht in der Lage zu arbeiten.

Ich empfinde gegenüber niemandem Hass. Das war einzig die Barbarei eines kranken Täters. Doch wie viele der Opfer bin ich auch drei Monate nach dem Attentat noch immer in tiefer Trauer und stehe unter Schock. Es ist schwer mit solch einer Willkür zurechtzukommen, der Kinder und Erwachsene, Franzosen und Besucher, Menschen verschiedener Nationalitäten wahllos zum Opfer gefallen sind. Sie alle wollten nur das Feuerwerk zum Nationalfeiertag anschauen.

Einige sind immer noch im Krankhaus, aber auch die anderen Betroffenen leiden unter den Folgen der schrecklichen Ereignisse. Unsere Organisation setzt sich dafür ein, dass alle, die schweres physisches oder psychisches Leid erlitten haben, therapeutische und finanzielle Unterstützung bekommen.

Die Gedenkveranstaltung in Nizza ist für die Opfer und deren Familien sehr wichtig. Es ist eine Anerkennung ihres Leids und ein Zeichen, dass die gesamte Nation zusammenkommt, unabhängig von Parteipolitik, Religion und Herkunft."

Joëlle Martinaux, Beauftragte für Soziales im Rathaus von Nizza

Joëlle Martinaux

Joëlle Martinaux, Beauftragte für Soziales im Rathaus von Nizza

(Foto: privat)

"Neben seelischen Problemen haben einige Familien seit dem Attentat auch mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, zum Beispiel, wenn der Mann und Vater, der vorher das Geld verdient hat, nun nicht mehr lebt.

Es gibt einen nationalen Fonds für die Opfer von Terrorakten und deren Angehörige, der sich aus Beiträgen von allen französischen Versicherungsnehmern speist. Hier geht es teilweise um Schmerzensgeld in Millionenhöhe. Es braucht etwas Zeit, bis die Anträge bearbeitet sind.

Die Stadt und das kommunale Sozialzentrum haben deshalb direkt nach dem Attentat zu Spenden aufgerufen und einen Hilfsfonds eingerichtet. Mit dem Geld wollen wir Betroffene, egal aus welchem Land sie stammen, sehr schnell unterstützen. Es geht um Menschen, die gegenwärtig Probleme haben, zum Beispiel ihre Miete oder den Strom zu bezahlen. Außerdem wollen wir helfen, wenn für Menschen mit Verletzungen Wohnungen umgebaut werden müssen. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn einer Person die Beine amputiert werden mussten und nun ein Treppenlift benötigt wird.

Wir sind sehr froh, dass wir großzügige Spenden erhalten haben. Unter den Spendern sind Privatpersonen, die trotz bescheidener Möglichkeiten ein paar Euro geben, aber auch Firmen und Vereine, die mehrere Tausend Euro überweisen. Inzwischen ist so schon eine Viertelmillion Euro zusammengekommen."

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