Trauerfeier für John McCain McCains Tochter demontiert US-Präsident Trump

"Wir sind zusammengekommen, um über den Verlust von amerikanischer Größe zu trauern": Meghan McCain ehrt ihren Vater, den großen Republikaner John McCain - und spricht doch vor allem über Donald Trump.

Von Thorsten Denkler, New York

Ivanka Trump und ihr Mann Jared Kushner sitzen weiter hinten in der Kathedrale zu Washington. Ihr Gesichter sind wie versteinert. Gerade spricht Meghan McCain von der Kanzel, die Tochter von John McCain, dessen Sarg vor ihr aufgebahrt steht, abgedeckt von der amerikanischen Flagge. Sie spricht voller Tränen, sie schluchzt. Sie muss tief durchatmen, bevor sie mit der Trauerrede auf ihren Vater beginnt, eine Rede, die sie nie habe halten wollen, wie sie sagt.

Es wird eine Rede über den Verlust eines großen Mannes. Eines Matrosen, eines Kriegers, eines Helden, eines Präsidentschaftskandidaten, eines Senators. Und vor allem eines liebevollen Vaters.

Aber auch eine Rede voller Wut und Ärger. Wut und Ärger über den Mann, der McCain an dessen Todestag vor genau einer Woche zunächst jede Ehrung der US-Regierung verweigert hatte. Der McCain abgesprochen hat, ein Kriegsheld gewesen zu sein, weil McCain ja nur ein Kriegsgefangener in Vietnam war. Und der McCain beleidigt und gedemütigt hat, weil dieser nicht mitgemacht hat, die Gesundheitsreformen von Barack Obama abzuschaffen.

Trump fährt während der Trauerfeier auf einen Golf-Platz

Donald Trump verlässt zu diesem Zeitpunkt das Weiße Haus und macht sich auf zu einem seiner Golf-Plätze. Reporter berichten, er habe ein weißes Hemd und eine rote Schirmmütze mit der Aufschrift "Make America Great Again" getragen. Als würde er ahnen, was Meghan McCain in diesen Minuten wenige Kilometer entfernt zu sagen hat.

"Amerika muss nicht mit seiner Größe und Stärke prahlen, weil das Land dies nicht nötig hat", sagt Meghan McCain. "Das Amerika von John McCain muss auch nicht wieder großartig gemacht werden, weil es immer großartig war." Sie peitscht jedes Wort einzeln heraus, als würde sie sich wünschen, dass jedes dieser Worte Trump auf seinem Weg zum Golfclub trifft und sich tief in sein Fleisch schneidet.

McCain war Republikaner, viele Parteifreunde und Weggefährten sitzen in der Kirche und hören seiner Tochter zu. Und doch kommt jetzt Applaus auf. Langanhaltender Applaus. Ein befreiender Applaus. Meghan McCain spricht aus, was hier offenbar viele denken. Aber nur wenige Republikaner sich noch zu sagen trauen. Trumps Tochter Ivanka und Jared Kushner rühren sich nicht.

Anders als ihr Vater konnten sie zu der Trauerfeier kommen. McCain hatte den amtierenden Präsidenten noch zu Lebzeiten explizit nicht zu der Feier eingeladen. Dafür sprechen der von Trump gehasste Ex-Präsident Barack Obama, dessen Vorgänger George W. Bush, der auch nicht viel von Trump hält, der frühere Außenminister unter Nixon und Ford, Henry Kissinger, und McCains alter Freund aus dem Senat, Joe Liebermann. Zwei Demokraten und zwei Republikaner.

Megan McCain liest jedes Wort ab. Das ist kein spontaner Ausbruch, der jetzt folgt. "Wir sind zusammengekommen, um über den Verlust von amerikanischer Größe zu trauern." Und zwar wahre Größe, nicht jene "billige Rhetorik" von Leuten, die nie auch nur in die Nähe jener Opferbereitschaft kämen, zu der ihr Vater so voller Überzeugung bereit gewesen sei. McCain wurde in Kriegsgefangenschaft über Jahre gefoltert. Bis zuletzt konnte er deswegen seine Arme nicht mehr über seinen Kopf heben. Trump hingegen hatte sich wegen eines angebliches Fersenspornes vom Dienst in Vietnam befreien lassen.

McCain sei wie ein großes Feuer gewesen

John McCain sei wie ein großes Feuer gewesen, das hell leuchtete, sagt Meghan McCain. Einige wenige hätten das Licht gescheut, das McCain auf sie warf. Weil es die Wahrheit über ihren Charakter offenbart habe. Ein Satz, den Trump wahrscheinlich gerne persönlich nehmen darf.

Der aber twittert lieber vor und während der Trauerfeier für John McCain. Über die Verhandlungen zu einem neuen Freihandelsvertrag mit Mexiko und Kanada etwa. Oder über angebliche Verfehlungen von Hillary Clinton. Anders als Trump sitzt Clinton in der ersten Reihe in der Kathedrale. Neben ihrem Mann Bill und zusammen mit den Ehepaaren Bush und Obama.

Zwei Reihen hinter Obama sitzt John Kelly, Trumps Stabschef im Weißen Haus. Er rutscht auf seinem Platz hin und her und reibt sich hin und wieder die Augen. Er scheint zu wissen, dass er im Rahmen dieser Trauerfeier auf der falschen Seite der Macht steht.

Obama wird zur Kanzel geführt. Jedes Lob aus seinem Mund für den Verstorbenen wirkt wie Kritik an Trump. Nicht immer beabsichtigt. Aber wahrscheinlich billigend in Kauf genommen von Obama. Die Ehrlichkeit und Verlässlichkeit, mit der McCain jedem gegenübertrat, dass er keinen Unterschied gemacht habe, woher jemand kommt oder wie lange er im Land sei. Dass er Amerikas Größe nicht über geographische Grenzen definiert habe, sondern über die Werte dieser Nation, die im besten Fall eine Inspiration für viele Menschen überall auf der Welt seien.

John McCain, sagt Obama, habe verstanden, "dass unsere Demokratie nicht funktionieren kann, wenn wir die Wahrheit für politische Zwecke verbiegen". Auch dies ein Satz, der sich direkt an Trump richtet. Der hatte kurz zuvor mal wieder sein längst widerlegtes Märchen getwittert, dass Clinton und "Barrack" Obama ihn haben ausspionieren lassen. Trump, der Präsident, gibt sich gerne als Opfer. Die Trauerfeier für John McCain zeichnet einen anderes Bild.

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