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Trauerfeier für getötete Cops:Obama: "Wir verlangen zu viel von unseren Polizisten"

Bei der Trauerfeier in Dallas beschwört der US-Präsident die Einheit der Nation und klagt über zu viele Waffen. Obamas wichtigste Botschaft ist aber: Ich bin kein Feind der Polizei.

Eines ist von Beginn an klar: Die Trauerfeier für die fünf in Dallas getöteten Polizisten im Morton Symphony Center soll den Angehörigen und den Menschen in der texanischen Stadt Kraft geben. Dies ist kein Platz für politischen Streit und die Rednerliste zeichnet sich durch perfekte Überparteilichkeit aus.

Neben Bürgermeister Mike Rawlings (Demokrat) spricht Senator John Cornyn (Republikaner), und vor dem hoch respektierten Polizeichef David Brown tritt George W. Bush ans Mikrofon. Der Ex-Präsident wohnt in Dallas und sagt den Hinterbliebenen: "Wir können nicht erklären, warum euch das passiert ist. Wir können nur an eurer Seite stehen."

Und ausgerechnet aus dem Mund jenes US-Präsidenten, dessen rhetorische Fähigkeiten oft verspottet wurden, folgt ein erstaunlich klarer Satz über die polarisierte US-Gesellschaft: "Zu oft beurteilen wir andere Gruppen anhand ihrer schlechtesten Beispiele, während wir bei uns selbst immer von den besten Absichten ausgehen."

Von Bushs Nachfolger, den vor allem seine rhetorische Ausnahmefähigkeiten ins Weiße Haus führten, erwartet die Welt stets Reden, die das Unfassbare in passende Worte kleiden. Doch Barack Obama hat die Grenzen seiner Macht längst erkannt - auch weil es in seiner siebenjährigen Amtszeit zu viele Katastrophen gegeben hat. Auch er habe manchmal Zweifel, sagt Obama: "Ich war bei zu vielen dieser Veranstaltungen. Ich habe zu viele Familien gesehen, die so etwas durchmachen müssen."

Zehn Mal zuvor hat Obama solche Auftritte absolvieren mussen und verglichen mit seiner Trauerrede in der Emanuel-Kirche in Charleston, wo neun Schwarze erschossen wurden, und bei der er im Juni 2015 "Amazing Grace" sang, hat der Demokrat bei diesem 40-Minuten-Auftritt ein anderes Ziel. Er möchte die Zweifel der konservativen Hälfte Amerikas zerstören. Diese unterstellt ihm, dass er kein Freund der Polizisten ist und deren Arbeit nicht wertschätzt.

Also beginnt er mit bewegenden, persönlichen Geschichten aus dem Leben der fünf toten Polizisten Brent Thompson, Lorne Ahrens, Michael Smith, Patrick Zamarripa und Michael Krol, deren Porträts auf der Bühne stehen. Der vergangene Donnerstag habe für alle normal begonnen: "mit einem zu hastigen Frühstück" vor dem Weg zur Arbeit. Doch Polizisten hätten einen Job, der sich mit keinem anderen vergleichen lasse: "Sie folgen der Berufung, ihr Leben aufs Spiel zu setzen."

Obama: Gewalt gegen Polizisten ist inakzeptabel

Ohne diesen Einsatz für die Gesellschaft sei Amerikas Alltag unmöglich. Er nennt die Tat des schwarzen Einzeltäters klar einen "Akt rassistischer Gewalt" - diese Worte fallen bei Fox News. In Richtung der Aktivisten von "Black Lives Matter", die für viele konservative Amerikaner Cop-Hasser sind, sagt er: Wer bei Demonstrationen zur Gewalt gegen Polizisten aufrufe, der tue der Gerechtigkeit keinen Dienst, für die er angeblich auf die Straße gehe.

Obama ruft sein trauerndes Volk auf, die Verzweiflung zurückzuweisen. Der Präsident erzählt von Shetamia Taylor, einer schwarzen Mutter, die beim Marsch angeschossen wurde - sie und ihre vier Söhne wurden von Polizisten gerettet: "Sie sagt zum Dallas Police Department: 'Ihr seid Helden.' Und ihr zwölfjähriger Sohn möchte nun ein Cop werden, wenn er groß wird." Bei diesen Passagen klatscht das Publikum, das vor allem aus Polizisten und deren Angehörigen besteht.

Doch in der zweiten Hälfte von Obamas Rede wird der Applaus immer zurückhaltender. Denn nun spricht Amerikas erster schwarzer Präsident über die Verantwortung der Gesellschaft und der Schlüsselsatz lautet: "Wir verlangen zu viel von unseren Polizisten - und zu wenig von uns selbst."

Nun folgen Aussagen über Rassismus, Amerikas Waffenepidemie und das gespaltene Land. Es sei die Gesellschaft, die sich entscheide, zu wenig in gute Schulen zu investieren, Programme für Drogensüchtige und psychisch Kranke zu finanzieren oder die Armut in bestimmten Gegenden zu bekämpfen, ruft das Staatsoberhaupt.

Manche Viertel würden so sehr "mit Waffen überschwemmt, dass es für Kinder leichter ist, eine Glock-Pistole in die Hand zu bekommen als ein Buch oder einen Computer". In Obamas Augen ist es unverantwortlich, alle daraus entstehenden Probleme den Polizisten aufzubürden - sie also als Sozialarbeiter, Drogenberater oder als Ersatz für Eltern und Lehrer zu missbrauchen.