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Trauer um Nemzow:Die wahren Patrioten

People march behind a banner to commemorate Kremlin critic Boris Nemtsov, who was shot dead on Friday night, in central Moscow

Trauermarsch für Boris Nemzow. Die Teilnehmer beweisen, dass es noch ein anderes Russland gibt.

(Foto: REUTERS)

Es stimmt: Die Opposition in Russland ist zersplittert. Wenige kennen ihre Anführer, noch weniger würden sie wählen. Aber daraus zu schließen, es gebe keine Alternative zum Status quo ist zynisch. Die Trauermärsche für Nemzow zeigen ein Russland, mit dem der Westen solidarisch sein sollte.

In Moskau und vielen anderen russischen Städten war am Sonntag das Gesicht eines anderen Russlands zu sehen. Fast wäre es in Vergessenheit geraten. Russland - das waren in den vergangenen Monaten Kämpfer in Uniformen ohne Abzeichen, das waren die vom Sieg berauschten Rufe "Die Krim gehört uns", das waren die Lügen und die aggressive Rhetorik des Fernsehens und des Präsidenten Wladimir Putin.

Und plötzlich sind da Zehntausende, die bedrückt, nachdenklich und meist schweigend durch das Zentrum der Hauptstadt gehen, um des ermordeten Oppositionellen Boris Nemzow zu gedenken. Viele waren Rentner, die den größten Teil ihres Lebens in der Sowjetunion verbracht haben, keine krakeelenden Rebellen.

Der Mord an Nemzow und die Bürger auf den Straßen sollten daran erinnern und dazu mahnen, dieses Russland nicht aufzugeben. Sympathie für Russland bedeutet: Sympathie für diese Menschen und Solidarität mit ihnen. Das wird in letzter Zeit oft verwechselt mit Verständnis und Sympathie für eine Obrigkeit, die diese Menschen drangsaliert, diffamiert und sie durch den Diebstahl aus der Staatskasse auch noch ärmer leben lässt, als es sein müsste. Bei manchen Dauergästen deutscher Talkshows hat man den Eindruck, sie vertauschten das mit Absicht.

Der Westen kann und muss die Zivilgesellschaft stärken

Es stimmt: Die Opposition ist zersplittert, wenige kennen ihre Anführer, noch weniger würden sie wählen. Aber daraus zu schließen, es gebe keine Alternative zum Status quo ist zynisch, denn damit macht man sich die Logik der Unterdrücker zu eigen. Dass die Opposition heute nur am Rande existiert, ist das Ergebnis von Verfolgung durch die Justiz, Zersetzung durch Geheimdienste, Einschüchterung durch Schläger und - wie jetzt - letztlich auch von Mord.

Die sowjetischen Dissidenten waren einst noch weniger, noch unbekannter, noch perspektivloser. Als am 25. August 1968 Menschen ein Transparent mit der Aufschrift "Für eure und unsere Freiheit" auf dem Roten Platz entfalteten, um gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch sowjetische Truppen zu protestieren, wurde die Aktion als "Demonstration der Sieben" bekannt. Sieben Demonstranten! Diese sieben haben das sowjetische System nicht gestürzt. Aber für Hunderttausende im Ostblock war ihre Aktion ein Zeichen der Hoffnung, ein Zeichen, dass sie nicht alleine sind.

Waren Dissidenten wie Alexander Solschenizyn oder Andrej Sacharow unbedeutend, weil es so wenige waren?

Es geht nicht darum, einen Regimewechsel in Moskau herbeizuführen. Wandel wurde in der russischen Geschichte stets durch Brüche an der Staatsspitze eingeleitet. Doch wenn eines Tages durch einen Wechsel in der Führung ein Reformer zum Zug kommt, dann braucht er eine Gruppe im Volk, auf die er sich stützen kann, aus der Experten und Beamte mit Erfahrungen in demokratischen Verfahren und einem offenen Geist rekrutiert werden können. Menschen wie Nemzow.

Der Reformer Michail Gorbatschow hatte diese Unterstützer nicht, nach 70 Jahren Sowjetunion war weder jemand da, der wusste, wie demokratische Willensbildung ermöglicht wird, noch jemand, der wusste, wie eine freie Wirtschaft funktioniert. Gorbatschow war fast alleine gegen Hardliner, die zurück wollten. Und Boris Jelzin verließ sich zu blind auf Ratschläge amerikanischer Professoren und Banker, die zu wenig vom Land verstanden. Jetzt jene Menschen zu unterstützen, die ein demokratisches, offenes, rechtsstaatliches Land wollen, bedeutet Vorsorge zu leisten für mehr Stabilität nach einer möglichen Wende.

Visa-Verfahren für Russland kann erleichtert werden

Mit Maßnahmen wie dem sogenannten Agenten-Gesetz, das die ausländische Hilfe für Nichtregierungsorganisationen torpediert, hat die russische Führung diese Unterstützung enorm erschwert. Es bleiben aber viele andere Möglichkeiten. Die wichtigste Maßnahme ist, nicht zum Komplizen des Regimes zu werden; nicht zustimmend zu nicken, wenn die Kritik an einem korrupten Herrschaftsclan als "antirussisch" diffamiert wird. Die wahren russischen Patrioten waren am Sonntag auf der Straße.

Man darf nicht mitmachen bei Maskeraden. Der von Putin und Gerhard Schröder ins Leben gerufene Petersburger Dialog etwa simuliert in Wahrheit nur Dialog. Auch schmutzigem Geld, das in Russland gestohlen wurde, wird im Westen immer noch zu gern ein sicherer Hafen geboten. Das Visa-Verfahren für Russen kann erleichtert werden; am besten schafft man es ab - und dafür viele neue Stipendien.

Wenn es zur Solidarität nicht reicht, sollte all das wenigstens aus Eigeninteresse getan werden. Denn auch davon hängt ab, ob wir es künftig mit friedlichen russischen Bürgern zu tun haben. Oder mit verkleideten Spezialkommandos.

© SZ vom 03.03.2015/anri

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