Transmenschen in der Bundeswehr:"Und wie möchten Sie jetzt angesprochen werden?"

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Eine Therapeutin rät Lisa Maike K. zunächst, mit dem Outing zumindest bis zum Beginn der Hormontherapie zu warten. Eine Weile fährt sie also als Frau zur Arbeit, zieht sich die Uniform an und tut Dienst als Mann. Aber warum weiter verbergen, was an ihrem Körper mehr und mehr sichtbar wird? Bei einer wöchentlichen Besprechung der Kompaniechefs gibt Lisa Maike K. bekannt, warum sie so viel Zeit in der FU-6 verbracht hat.

Die wichtigste Frage der Kameraden ist: "Und wie möchten Sie jetzt angesprochen werden?" "Frau K.", antwortet sie. Ein Soldat wechselt gleich das Namensschild an ihrer Tür aus. "Der Rest" spricht sich unter den Soldatinnen und Soldaten schnell herum, bemerkt sie schmunzelnd. Oberstleutnant i. G. Biefang wird von den Kameraden mit Fragen bestürmt: Am Tag ihres Outings vor der Truppe "hat es lange gedauert, bis ich wieder in mein Büro kam", erinnert sie sich.

Einzelfallentscheidungen über die Dienstfähigkeit

Um auch vor dem Gesetz eine Frau zu sein, müssen Name und Personenstand geändert werden. Dafür schreibt das Transsexuellengesetz zwei unabhängige Gutachten von Sachverständigen vor. Sie müssen bescheinigen, dass sich das Geschlechtsempfinden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr ändern wird. Medizinische Schritte einer Transition sind dafür keine Voraussetzung.

Sind die Betroffenen allerdings bei der Bundeswehr und wollen Soldaten bleiben, wird die Lage unübersichtlicher: Die Bundeswehr behält sich vor, jeden Fall einzeln zu entscheiden - auch wenn eine abgeschlossene Transition, so versichert der Pressestab, kein Hinderungsgrund für eine Einstellung sei. Ausschlaggebend ist stets die Untersuchung des Truppenarztes und dessen "Prognose zur Dienstfähigkeit", ob eine "volle Entfaltung der körperlichen Leistungsfähigkeit" gewährleistet ist. Zu bestimmten Zeitpunkten kommt der Wunsch nach einer Transition also durchaus ungelegen: Als Neubewerber bei der Tauglichkeitsuntersuchung, während der Grundausbildung oder vor der Weiterverpflichtung.

Für dauerhaft Verpflichtete ist der Übergang ins Zielgeschlecht ein medizinischer und rechtlicher Dienstvorgang wie jeder andere. Sie dürfen mitbestimmen, bei welchem Mediziner und zu welchem Zeitpunkt sie die einzelnen Schritte gehen wollen. Zwischen den Eingriffen bekommen sie mehrere Monate Zeit zur Genesung und angemessene Diensterleichterungen: Lisa Maike K. darf in der ersten Zeit nach einer geschlechtsangleichenden Operation in Trainingshosen zur Arbeit kommen. Bis ihr neuer, maßangefertigter Uniformrock kommt, dauert es ein halbes Jahr. Lange Haare und Ohrringe darf sie als Soldatin auch schon vorher tragen. Und das tut sie mit Stolz, zeigt so viel Weiblichkeit wie möglich, "um es den Kollegen leichter zu machen", wie sie sagt.

"Man muss manchmal ein dickes Fell haben"

"Ich gehe schon selbstbewusst in die Damendusche", sagt Anastasia Biefang über ihren Alltag als Transfrau bei der Bundeswehr. Irritationen, denen sie begegnet, nennt sie eine "Chance zur Kommunikation": "Ich kann nicht von allen erwarten, dass sie zum Beispiel alle Schritte einer Transition kennen, vor allem nicht beim ersten Gespräch. Entscheidend ist der Umgang beim zweiten, dritten Kontakt."

Offene Anfeindung hat keine der beiden Frauen im Dienst erlebt. Soldatinnen und Soldaten müssen Vorgesetzte und Kameraden stets korrekt behandeln, schließlich schreibt das im Soldatengesetz verankerte Prinzip der Kameradschaft "gegenseitige Anerkennung, Rücksicht und Achtung fremder Anschauungen" in der Truppe vor. Auch der Rang als Führungskräfte schützt sie: Würden sie offen beschimpft, verlacht oder demonstrativ im falschen Geschlecht angeredet, könnten sie die Täter maßregeln und eine Beschwerde formulieren.

Wenn sich nach dem Outing manche Kameraden in der Raucherpause etwas distanzierter geben, geschieht das "nicht aus bösem Willen, sondern aus Unsicherheit heraus", glaubt Lisa Maike K. Die Hilfe der Gleichstellungsbeauftragten, die gleich nach ihrem Outing auf Lisa Maike K. zugeht, habe sie jedenfalls nicht gebraucht. "Wir sind ja Einzelfälle. Und die Bundeswehr geht mit Einzelfällen angemessen um."

Einige zwischenmenschlichen Reaktionen, von denen sie berichten, lassen aber erkennen: Dass jemand aus dem eigenen Umfeld transsexuell ist, stellt viele noch vor gedankliche Herausforderungen. Als K. sich vor ihrem Kommandeur outet, bekommt sie zur Antwort: "Jeder, nur nicht Sie." Und entgegnet selbstbewusst: "Doch, ich." Anastasia Biefang hat ihren Vorgesetzen "zum ersten Mal sprachlos" erlebt. Sie räumt ein: "Man muss manchmal ein dickes Fell haben."

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