Transgender Die Freiheit, einfach anders zu sein

Die Regenbogenflagge der Lesben- und Schwulenbewegung weht vor dem Schweriner Innenministerium.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Kim Beyer fühlt sich weder als Mann noch als Frau. Das hat Folgen: Transgender-Personen werden in Mecklenburg-Vorpommern extrem diskriminiert. Aber nicht nur dort schlägt ihnen wachsende Gewalt entgegen.

Von Thomas Hahn, Rostock

Auf die Frage, ob "Herr Beyer" oder "Frau Beyer" die richtige Anrede sei, antwortet Kim Beyer ohne Zögern. "Am liebsten wäre es mir, ich müsste das gar nicht entscheiden." Für die Behörden ist Kim Beyer aus Rostock ein Mann, bei der Geburt vor 36 Jahren als Junge erkannt, von den Eltern als Junge erzogen. Aber in Wahrheit fühlt sich Kim Beyer weder als Mann noch als Frau. In der Pubertät wurde Beyer das bewusst. Seit zwei Jahren steht Kim Beyer öffentlich dazu und ist damit das, was die Allgemeinheit eine "bekennende Transgender-Person" nennt.

Manche verstehen nicht, dass ein Mensch sich Unternehmer_in oder Theaterpädagog_in nennt

Kim Beyer hat ein breites Kreuz, Bartwuchs und um die Hüften einen Minirock. Das richtige Pronomen? "Sie_er". Beruf? "Unternehmer_in und Theater-Pädagog_in". Für die meisten Gewohnheitsmenschen ist das schwierig zu verstehen. Und Kim Beyer weiß jeden Vorstoß zu schätzen, der daran etwas ändern will.

Jene mit Bundesmitteln geförderte Expertise des Demokratie-Vereins Lola zum Thema Homo- und Trans-Feindlichkeit in Mecklenburg-Vorpommern, die an diesem Montag in Schwerin bei einer Pressekonferenz mit Landes-Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) vorgestellt wird, ist deshalb ein wichtiger Schritt für Kim Beyer. Es ist laut Lola eine der wenigen Regional-Studien dieser Art und die erste für Mecklenburg-Vorpommern. Außerdem passt sie in die Zeit: Kürzlich hat Ole Schröder, Staatssekretär im Bundesinnenministerium, erklärt, dass die Gewalttaten mit homo- oder transphobem Hintergrund 2016 bundesweit deutlich angestiegen seien.

Menschenrechtsbewegungen haben viel erreicht für die Gleichstellung gesellschaftlicher Minderheiten. Trotzdem ist es immer noch schwierig, anders zu sein , und der Trend zum politischen Populismus verunsichert die Queer-Szene. Besonders in Mecklenburg-Vorpommern, wo die AfD, die gegen die Homo-Ehe ist, seit ihrem 20,8 Prozent-Erfolg bei den Landtagswahlen im September die zweitstärkste Landtagsfraktion stellt. Kim Beyer verbindet "reale Befürchtungen" mit den jüngsten Wahl-Ergebnissen: "Wenn Leute an die Macht kommen, die das vermeintliche Anderssein für falsch halten, dann ist das wie ein Freibrief, für mehr Gewalt gegen die Buntheit des Lebens."

Eine Untersuchung wie die Lola-Studie bietet da Anlass, sich wieder einmal jener Grundhaltung bewusst zu werden, die zum Kern freiheitlicher Gesellschaften gehört: Sexuelle Orientierung oder persönliches Gender-Empfinden darf nicht zu Diskriminierung und Ausgrenzung führen. Mecklenburg-Vorpommerns rot-schwarze Regierung hat deshalb "einen Landesaktionsplan für Gleichstellung und Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt" aufgesetzt, den Stefanie Dreses Vorgängerin Birgit Hesse 2015 vorstellte. Die heutige Bundesfamilien-Ministerin Manuela Schwesig hatte den Plan vor drei Jahren angeregt, als sie selbst noch Sozialministerin in Schwerin war. Er ist vielfältig und ehrgeizig - und nötig, wenn man der Expertise glaubt, die der SZ vorliegt.

Die Expertise basiert unter anderem auf Interviews mit 20 Personen, die sich als homosexuell oder transgender verstehen. Aus den Ergebnissen lassen sich keine skandalösen Zustände mit ständigen rechtsextremen Übergriffen ableiten im Bundesland mit der niedrigsten Bevölkerungsdichte. Sie zeichnen vielmehr das Bild einer Gesellschaft, die weiterhin eine starre Vorstellung davon hat, was als normal gelten kann. "Eine Vielzahl an Diskriminierungserfahrungen" in Schule und Elternhaus, im Beruf, in der Verwaltung, eigentlich überall, stellt die Expertise fest. Beratung und Hilfe gebe es für die Betroffenen außerhalb der einschlägigen Hilfevereine jedoch zu wenig. "Dies trifft in besonderem Maße für Trans*Personen zu, die eine extreme Ausgrenzung und Gewalt erleben, jedoch die geringste strukturelle Unterstützung finden."

Aber der Mut zum Individualismus ist groß, auch das stellt die Lola-Erhebung fest: "Widerständige Strategien" seien aus den Interviews herauszulesen. Kim Beyer ist dafür ein gutes Beispiel. Es spricht eine selbstbewusste Person, die gelernt hat, ihr Wesen zu lieben, und die damit umgehen muss, dass andere sie einschränken. Es muss quälend sein, wenn schon die Entscheidung, einen Rock zu tragen, auf Ablehnung stößt. Und Kim Beyer braucht im Grunde nur vor die Tür zu gehen, um diese Ablehnung zu erleben.

Eine Welt ohne Schubladen und Kaufhäuser ohne getrennte Abteilungen für Mann oder Frau

Denn draußen sind die Blicke. "Viele verbinden mit ihren Blicken eine Wertung, und das macht sie zu einer perfiden Form der Gewalt." Selbst in der Psychotherapie fühlte sich Kim Beyer einsam. Der Entschluss, sich in Frauenkleidern zu zeigen, war zunächst eine seelische Zerreißprobe. "Ich fühlte mich gut mit meiner Entscheidung, aber der Kopf sagte: Hör sofort auf damit!" Zu dieser Verunsicherung habe die Therapeutin beigetragen. "Sie sagte, sie kenne viele Transgender-Leute, die ihre Kleider nur zu Hause tragen würden. Ich würde mich selbst lächerlich machen." Auch die Behörden akzeptieren nicht, dass Kim Beyer sich keinem Geschlecht zugehörig fühlt und dies auch leben will. Mann oder Frau - eines von beidem muss im Pass stehen. "Stimmiger wäre für mich, wenn gar nichts drin stünde oder Beides."

Kim Beyer hat zu einer Haltung gefunden: bedingungslose Freiheit für alle, eine Welt ohne Schubladen. Eine Utopie? "Ich finde die Kategorien männlich/weiblich nicht unsympathisch. Aber was die Menschen daraus konstruieren, sollte abgeschafft werden. Es ist doch ohne Zweifel absurd festzulegen, Frauen sollen das anziehen und Männer das. Im Kaufhaus hätte ich lieber eine Abteilung für Röcke, eine für Kleider, eine für Hosen. Statt eine für Männer und eine für Frauen."

Das klingt, als wolle Kim Beyer den Bauplan des Lebens umschreiben, der nun mal zwei Geschlechter zur Fortpflanzung vorsieht. Aber darum geht es nicht, wenn Kim Beyer aus Anlass der Lola-Expertise über die Vorstellung von Gesellschaft spricht: "Es geht um die große Frage, wie wir als sehr unterschiedliche Menschen miteinander umgehen wollen."