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Tourismus:Pandemie als Segen

Für unbekanntere Gebiete ist die Corona-Krise eine Chance, mit nachhaltigen Konzepten Gäste anzulocken. Auch Reisende tragen mit jeder Buchung eine Verantwortung für die weitere Entwicklung.

Von Francesca Polistina

Es gibt wenige Branchen, die so hart von der Corona-Pandemie getroffen wurden wie der Tourismus. Das gilt für Deutschland, aber das gilt vor allem für jene Länder, deren Bruttoinlandsprodukt maßgeblich vom Tourismus abhängt. Wie Italien und Spanien, die jedes Jahr von Millionen von Deutschen bereist werden - und zwar nicht ohne Folgen.

Besonders dort wirft die Pandemie eine legitime Frage auf: Gelten Touristenströme als selbstverständlich? Die Antwort ist: nein. Etliche Länder am Mittelmeer, die sich in den letzten 15 Jahren maßgeblich auf diese Branche ausgerichtet hatten, mussten schon aufgrund politischer Instabilität erleben, wie schnell Besucherströme sich verschieben. Nach dem Arabischen Frühling fingen Reisende an, die tunesischen oder ägyptischen Küsten zu meiden, auch in der Türkei erlitt die Branche nach dem Putschversuch Einbrüche.

Am nördlichen Ufer des Mittelmeers betrachtete man den Tourismus hingegen als unvergänglich, vielerorts bemühte man sich nicht mal darum, Unternehmen zu gründen, um die lokale Wirtschaft zu stützen. Mehr noch: Man vernachlässigte Natur- und Kunstschätze abseits der klassischen Touristenwege - und so blieben ganze Gebiete fast unberührt im Schatten der berühmten Attraktionen Mallorca, Florenz oder dem Gardasee.

Jetzt aber, wo die Gäste weg sind, wird klar, wie eine zu starke Abhängigkeit von der Branche ungesund, ja sogar schädlich ist. Hoteliers und Restaurants können die üblichen Umsätze nicht mehr verbuchen: einerseits, weil die Besucheranzahl geringer ist, andererseits, weil sie bestimme Corona-Vorschriften einhalten müssen. Souvenirläden mit standardisierten Produkten, die sich in den Jahren Platz geschaffen haben auf Kosten von Alltagsgeschäften, bleiben leer. Die Einwohner, viele davon arbeiten in der Branche, stehen vor existenziellen Sorgen und müssen gleichzeitig horrende Mietpreise bezahlen oder am Stadtrand wohnen. Sie freuen sich über die für sich wiedergewonnenen Straßen, doch die Freude hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

Auch die Reisenden tragen mit jeder Buchung eine Verantwortung

Nichts, das vor der Corona-Krise nicht bekannt war. Seit Jahren kämpfen Bürger in Barcelona gegen Vermietungsplattformen wie Airbnb, Venezianer stellen sich gegen die Kreuzfahrtschiffe. Auch Berggebiete wie Südtirol haben es schwer: Im Pragser Tal etwa wird der Verkehr in den Sommermonaten beschränkt, dort machen sich die lokalen Behörden Sorgen um die Integrität des Ortes. Für all diese Orte ist die Pandemie nicht nur Fluch, sondern auch Segen - um sich von der touristischen Monokultur zu distanzieren und nachhaltige Konzepte zu entwickeln. Doch vor allem für unbekanntere Ziele ist diese Zeit eine riesige Chance. Etwa für den Bolsenasee im italienischen Latium, wo auf sanften Tourismus gesetzt wird.

Genau das brauchen Länder wie Italien und Spanien: einen Tourismus, der im Gleichgewicht mit Wirtschaft, Natur und Kultur steht. Die Politik und die lokalen Behörden sollten versuchen, Besucherströme nachhaltiger zu lenken, um einzelne Orte nicht zu überlasten. Doch Politiker stehen nicht allein da: Auch die Reisenden tragen mit jeder Buchung eine Verantwortung. Sie sollten sich dessen bewusst sein, dass ein Tourist nicht nur Weltentdecker, sondern auch Konsument ist. Und im Kopf behalten, dass ein Urlaub in Rom für die lokale Wirtschaft eine wichtige Einnahmequelle ist, aber auch potenziell zerstörerische Kraft in sich birgt.

© SZ vom 14.09.2020

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