Totenmonat November:Letzte Ehre

Kultur des Trauerns? Heute soll es beim Begräbnis oft billig, kurz und schmerzlos zugehen. Aber: Je weniger Raum man dem Tod gibt, um so schwerer stirbt es sich.

Von Heribert Prantl

Der November gilt als Totenmonat; in diesen grauen Wochen liegen die offiziellen Tage für Trauer und Tod: am Monatsanfang Allerheiligen und Allerseelen, die katholischen Gedenktage; am Monatsende der Totensonntag der Protestanten. Dazwischen liegt der Volkstrauertag, der staatliche Gedenktag, der an die Kriegstoten und die Opfer von Gewaltherrschaft erinnern soll. Die Tage stehen kalendarisch für eine Kultur der Trauer und Erinnerung, die einst einvernehmliche Rituale kannte. Diese Rituale, die eine christlich-religiöse Basis hatten, schwinden; sie schwinden deswegen, weil die christlich-religiöse Basis schwindet. An ihre Stelle treten Unsicherheit und Verdrängung im Umgang mit dem Tod, mit den Toten und mit der Trauer.

Die verblichenen bürgerlichen Trauerregeln begannen bei der schwarzen Kleidung und bei fein abgestuften Regeln dafür, wie lange sie wie zu tragen war; diese Regeln des Trauerjahrs sind so vergessen, dass man sie selbst im Internet kaum noch findet. Eine Aufbahrung des Toten im Sterbehaus, in der Sterbewohnung, wie sie einst üblich und tröstend war, ist heute für viele schon in der Vorstellung ein Horror. Nach dem Tod heißt es, ob in der Privatwohnung oder im Krankenhaus: möglichst schnell weg mit dem Toten! Nach den rechtlichen Regeln dürfte der Tote bis zur Beerdigung in der Wohnung bleiben, es wäre viel Zeit für den Abschied - früher kamen Freunde und Nachbarn. Nicht einmal im Altenheim aber lässt man den Toten in seinem Zimmer, wohl deshalb, weil der Tod dort ohnehin allen zu nahe ist, als dass man ihn auch noch sehen will.

Der Tod ist ein Störer. Weil er ein Störer ist, wird er heute aus dem Alltag ausgegrenzt. Der Umgang mit Tod und Trauer ist kulturell und rituell unsicher geworden. Die allgemeinen Totengedenktage des Monats November sind übrig geblieben aus der Zeit, in der das Leben fester gefügt war und es verbindliche Gewohnheiten dafür gab, wie zu trauern ist. An diesen Tagen hat sich ein Rest der alten Verbindlichkeiten bewahrt; viele Menschen fahren, oft Hunderte Kilometer, "nach Hause", schmücken ein Grab, stehen davor, hören den Gebeten zu. Vielleicht ist das eine Antwort auf eine Frage, die heute viele Menschen umtreibt: Wo ist meine Heimat? Vielleicht dort, wo das Grab eines nahen Menschen ist.

Freunde erzählten von einer Szene, die sie im Italien-Urlaub erlebt haben, auf einer lauten Piazza mit Straßencafés und Souvenirläden: Zwischen den Kunden bahnte sich der Inhaber eines Ladens auf einmal den Weg zur Tür. Er machte sie zu, kurbelte den Rollladen herunter, blieb reglos davor stehen, blickte mit geneigtem Kopf auf den Platz. Auch die Fenster in den anderen Läden wurden verdunkelt; es wurde still. Touristen schauten irritiert. Nur eine Glocke war zu hören: Ein Leichenzug verließ die Kirche, überquerte die Piazza. Für einige Momente standen Zeit und Leben still. In schweigendem Respekt gab man dem Toten und seinen Angehörigen den Weg frei. Der Leichenzug entschwand, die Ladenbesitzer zogen die Rollläden hoch; es wurde wieder laut; das Leben ging weiter. . . Die Szene ist wie ein Echo aus alter Zeit. Heute flüchtet sogar auf dem Friedhof der Spaziergänger, wenn ein Trauerzug daherkommt; oder er tut so, als sähe er ihn nicht. Mit einer politischen Demonstration kann der Mensch von heute gut umgehen. Mit einem Leichenzug, der auch eine Art von Demonstration ist - er demonstriert die Endlichkeit des Lebens -, tut man sich schwer. Gewiss: Man kann mit Todesverachtung die Nase rümpfen über formalisiertes und ritualisiertes Trauern. Aber das Wort von der letzten Ehre war und ist ein gutes Wort: Auch wenn man den Kummer der Angehörigen nicht teilt, ehrt man so den Toten und die, die um ihn trauern. Und man kehrt einen Moment ein in sich selbst - und spürt die eigene Seele, die in diesen Sekunden ihre Endlichkeit begreift.

In der Art, wie man den Toten begegnet, manifestiert sich die Würde der Lebenden. Es geht um symbolische Kommunikation: um die der Lebenden mit dem und über den Toten; und um die des Lebenden mit seinen Ängsten vor dem Tod. Man geht der Antwort auf die Frage, wie man selbst sterben möchte, gern aus dem Weg. Eine der anrührendsten Antworten lautet: dass dann die Uhren stehen bleiben mögen - und also keiner sagen muss: keine Zeit. Heute heißt es oft, dass die Beerdigung "im kleinen Kreis" stattfinden soll. Das ist ein Privileg derer, die einen großen Kreis erwarten dürfen. Für immer mehr Menschen ist der Kreis ohnehin sehr klein, weil sie niemanden mehr haben. Die Zahl der Armenbegräbnisse nimmt zu; da werden die Metalldosen mit der Asche hastig verbuddelt.

In Bayern wünschte man sich früher "eine schöne Leich", also ein schönes Begräbnis; vielleicht ist es auch heute noch tröstlich, wenn viele Leute da sind, viele Blumen auch, wenn nicht alles für den guten Zweck gespendet werden muss; und wenn die Leute anschließend etwas zum Essen und Trinken bekommen, weil man immer so friert, wenn man traurig ist.

Es ist schade, wenn immer mehr Gesten abhandenkommen, die dem Tod einen Platz im Leben geben. Die Trauerkultur sei "lockerer" geworden, sagen die Bestatter. Das Wort "locker" meint vieles: Es meint das Ende der alten Riten, es meint eine billigheimerische Entsorgungsmentalität, es meint Verlegenheit, es meint eine krampfhafte Lustigkeit, es meint auch die Suche nach neuen Formen der Trauer und des Gedenkens. Die alten Familienstrukturen sind zerbrochen, die Menschen leben als Singles oder in Patchwork-Verhältnissen, sie leben mobil und unstet; eine neue Fassungslosigkeit im Umgang mit dem Tod ist das Abbild davon; auch die Suche nach guten, neuen Formen der Trauer gehört dazu - die Beerdigung in Friedwäldern und der neue digitale Totenkult. Manchmal, nach großen Unglücken und Katastrophen, findet die Trauer auch schon wieder zurück in die Kirchen.

Trauer ist nicht nur Privatsache. Der Tod braucht Raum im Alltag. Je weniger Raum die Gesellschaft dem Tod gibt, desto schwerer stirbt es sich. Man soll den Toten die Würde ihres vergangenen Lebens lassen, und den Lebenden die Hoffnung auf die letzte Ehre.

© SZ vom 31.10.2015
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