Tote bei Unruhen in UsbekistanDie harte Hand der Regierung

Lesezeit: 2 Min.

Bei den Kämpfen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften in der usbekischen Stadt Andischan sind offenbar zahlreiche Menschen getötet worden - Menschenrechtsorganisationen sprechen von mehreren hundert, Präsident Islam Karimow von "vielen" Opfern.

SZ bei Google bevorzugen

Der usbekische Präsident Islam Karimow hat am Tag nach den gewaltsam beendeten Unruhen den Demonstranten die Schuld für das Blutbad in der Stadt Andidschan gegeben. Sie hätten Soldaten und Polizisten angegriffen und damit den Einsatz von Gewalt am Freitag notwendig gemacht, sagte Karimow auf einer Pressekonferenz in Taschkent.

Augenzeugen sprachen von 200 bis 300 Todesopfern. Andere Menschenrechtsorganisationen gehen gar von bis zu 500 Toten aus.

Karimow sprach von zehn Todesopfern unter den Soldaten und "vielen mehr" unter den Demonstranten. Er erklärte, die Behörden hätten zunächst versucht, in Verhandlungen eine friedliche Lösung zu erreichen.

Die Forderungen der Demonstranten seien jedoch inakzeptabel gewesen, daher habe der Aufstand mit Gewalt niedergeschlagen werden müssen. Der Präsident bestritt, dass Zivilpersonen angegriffen worden seien. "In Usbekistan kämpft niemand gegen Frauen, Kinder oder Alte", sagte er. Die Organisatoren des Aufstands seien auch im benachbarten Kirgisien zu suchen.

Der Anführer der Demonstranten, Kabuljon Parpijew, erklärte, die Regierung sei nicht verhandlungsbereit gewesen. Innenminister Sakir Almatow habe gesagt: "Uns ist egal, ob 200, 300 oder 400 Menschen sterben. Wir haben Macht, und wir werden euch vertreiben." Der kirgisische Vertreter in Usbekistan, Almambet Matubraimow, sagte, kirgisische Bürger seien nicht in den Aufstand verwickelt.

Trotz der blutigen Niederschlagung der Proteste versammelten sich erneut etwa 1.000 Demonstranten in Andidschan. Sie trugen sechs Leichen, um auf das Blutbad vom Freitagabend hinzuweisen, und verurteilten das Vorgehen der Regierungstruppen. Diese hatten am Vortag ziellos in die Menge geschossen und dabei auch Frauen und Kinder getroffen. Die genaue Zahl der Toten blieb zunächst unklar. Augenzeugen sagten, Familien seien daran gehindert worden, die Leichen ihrer Angehörigen zu bergen.

Auslöser der Unruhen im Osten Usbekistans war der Beginn eines Terrorprozesses. Eine Menge stürmte am Freitag das Gefängnis und befreite rund 2.000 Häftlinge, darunter 23 wegen verfassungsfeindlicher Aktivitäten angeklagte Geschäftsleute.

Den islamischen Geschäftsleuten wird Mitgliedschaft in der Gruppe Akramija vorgeworfen, der Kontakte zur verbotenen Islamistenpartei Hisb-ut-Tahrir nachgesagt werden.

Etwa 6.000 Usbeken versammelten sich am Samstag an der Grenze zu Kirgisien und baten um Asyl. In der Grenzstadt Korasuw bauten die Usbeken einen Brücke wieder auf, die beide Länder verbindet. Die Brücke war zuvor den usbekischen Behörden zerstört worden.

Sorgen bei Fischer und Putin

Der russische Präsident Wladimir Putin äußerte sich besorgt über eine Bedrohung der Stabilität in Zentralasien. Putin habe deswegen mit Karimow telefoniert, erklärte der Kreml. Die Massenproteste in Andidschan seien vermutlich von radikalen Islamisten organisiert worden, erklärte der stellvertretende russische Außenminister Waleri Loschtschinin.

Auch Bundesaußenminister Joschka Fischer zeigte sich beunruhigt. Es komme nun darauf an, "alles zu vermeiden, was zu einer weiteren Verschärfung der Situation führt", hieß es in einer in Berlin veröffentlichten Erklärung Fischers.

Bundesverteidigungsminister Peter Struck sagte der Bild am Sonntag, für die in der Republik stationierten deutschen Soldaten bestehe keine Gefahr. Die USA befürchteten, dass bei der Erstürmung des Gefängnisses in Andidschan Mitglieder der als terroristisch eingestuften Islamischen Bewegung Usbekistans frei gekommen sein könnten.

Die USA forderten alle Beteiligten an dem Konflikt in Andidschan auf, Zurückhaltung zu üben. Die USA bedauerten die Gewalt, fügte Boucher hinzu und betonte, dass Washington die Menschenrechtslage in dem mittelasiatischen Staat schon seit längerem kritisch beobachte.

Die ehemalige Sowjet-Republik Usbekistan liegt in Zentralasien und wird umrahmt von Kasachstan im Norden und Westen, Kirgisistan und Tadschikistan im Osten, Afghanistan im Süden sowie Turkmenistan im Südwesten. Das Land hat knapp 28 Millionen Einwohner.

© sueddeutsche.de/AP/AFP - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ Stellenmarkt
:Entdecken Sie attraktive Jobs

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: