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Tönnies-Mitarbeiter:"Bitte Mund auf, Zunge weit raus"

Ein kleines Abenteuer: Rotes Kreuz und Bundeswehr helfen bei den Tests in Westfalen.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Warum sich die Massentests im Kreis Gütersloh so schwierig gestalten.

Von Christian Wernicke

Die Operation dauert nur acht bis zehn Sekunden. Und ist doch jedes Mal ein Abenteuer, ein kleines Duell. Petra Trogisch, die resolute Helferin des Roten Kreuzes, ruft auf dem Hinterhof des Hochhauses ihre Patientin herbei. "Bitte den Mund auf, und stecken Sie die Zunge weit raus", sagt sie. Nur leider, die Dolmetscherin ist gerade mit einem anderen Bewohner beschäftigt, weshalb die junge Bulgarin die Anweisung zum Corona-Test nicht versteht.

Egal, es muss weitergehen. Also nimmt Trogisch den langen Wattestab, sucht damit im hinteren Rachenraum nach Speichel - und ahnt, was jetzt kommt: Die Patientin schluckt, würgt, muss heftig husten. Ein kurzer Schreck, dann Entwarnung. "Alles gut, alles gut", ruft Trogisch und lacht, "dafür ist die Maske ja da." Die Speicheltropfen sind auf dem Plastikvisier gelandet, das Hals und Gesicht der 63-jährigen DRK-Helferin schützt. Und auf dem schneeweißen Ganzkörperanzug, den alle acht Rot-Kreuzler dieses "mobilen Teams" vor ihrem Einsatz mühsam überstreifen mussten. Wie Mondfahrer sehen die Tester aus. Bei 25 Grad im Schatten stehen sie in der Sonne und schwitzen. Ob die Spucke Coronaviren in sich birgt, weiß niemand. Das herauszufinden, dafür sind sie hergekommen. Morgens gegen fünf Uhr aufgestanden in Siegen-Wittgenstein, zweieinhalb Stunden Autofahrt, zwölf Stunden Einsatz, Rückfahrt, gegen 23 Uhr daheim unter die Dusche. "Ich fühl mich wie in der Sauna", sagt Trogisch, "aber hier kostet es wenigstens nix."

40 solcher Teams sind auch an diesem Dienstag wieder unterwegs, allein vom DRK sind 170 Ehrenamtler auf der Straße. Weitere 110 Frauen und Männer kümmern sich ums Essen - um die Versorgung der mehr als 7000 Tönnies-Mitarbeiter und ihrer Familien, die im Kreis Gütersloh seit Samstag in Quarantäne leben und nicht mehr einkaufen dürfen. Ohne die Freiwilligen und den Einsatz der Bundeswehr würde die Strategie der Behörden - schnelle Tests, um dem Virus in Ostwestfalen auf die Spur zu kommen - niemals aufgehen.

Trogisch war am Sonntagnachmittag im Einsatz. Hinter jenem zehnstöckigen Haus in Sürenheide, dem Stadtteil von Verl mit den schäbigen Wohnsilos, in dem laut der Liste des Fleischkonzerns Tönnies 97 Mitarbeiter leben. Bald wird klar, in den Drei-Zimmer-Wohnungen leben mehr Menschen, viel mehr. Frauen und Kinder fehlen in den Papieren. "Wir schätzen, dass hier 150 bis 200 Menschen im Haus wohnen", sagt eine Helferin, die die Personalien der Bewohner dokumentiert. Gerade kommt wieder eine Gruppe Bulgaren die Treppe herunter. "Wohnung 3 - acht Bewohner", ruft jemand.

Am Dienstag kündigt NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) dann an, die Tests auszuweiten. Die Behörden haben begriffen, wovor Insider warnten. Die Subunternehmer, die Tönnies seine Schlachter und Zerleger herbeischaffen, bedienen auch andere Betriebe im Kreis Gütersloh. Aber die Männer leben in denselben Wohnungen, schlafen teils in denselben Betten. Die Stimmung ist gereizt, nicht überall werden die Helfer freundlich begrüßt. Die Polizei will die DRK-Teams jetzt begleiten. Und nicht an allen Adressen, die der Fleischkonzern am Wochenende preisgab, öffnet jemand die Tür. "Jede fünfte Unterkunft war leer", erzählt ein Rot-Kreuz-Tester, trotz Quarantäne. Einige Mitarbeiter sind offensichtlich nach Hause gefahren. So berichtete der Bürgermeister der südwestbulgarischen Stadt Beliza im Fernsehen, er habe drei heimkehrende Tönnies-Mitarbeiter unter Quarantäne gestellt. Die drei seien in Deutschland auf Corona getestet worden, wüssten aber nicht, wie die Tests ausgefallen seien. Dem Bericht zufolge sind sie heimgekehrt, weil sie Angst hatten.

© SZ vom 24.06.2020

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