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Fleischwirtschaft:Erfolg durch Ausbeutung

Tönnies Unternehmensgruppe

Geschlachtete Schweine hängen im September 2017 in einem Kühlhaus der Firma Tönnies.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Nach dem Corona-Chaos in seinem Betrieb geriert sich Clemens Tönnies plötzlich als Macher, der die Fleischbranche verändern will. Das hätte er schon vor Jahren tun können.

Kommentar von Elisabeth Dostert

In der Kriminologie beschreibt der Begriff Dunkelfeld die nicht amtlich bekannten Straftaten. Es ist dieses Wort, das der Leiter des Krisenstabs Gütersloh - bewusst oder unbewusst - gewählt hat, um die Vorgänge beim Fleischkonzern Tönnies zu beschreiben. Ob wirklich Straftaten begangen wurden, steht nicht fest. Klar ist aber, es ist ein dunkles Feld, auf das der westfälische Fleischer Clemens Tönnies seine Firma aufgebaut hat. Sein Erfolg beruht auf Ausbeutung.

Das System hat über Jahre hinweg weitgehend ungestört funktioniert, weil viele es mitgetragen haben: Bauern, die sich nicht wehren, Discounter, die Marktanteile mit Billigware erkämpfen, und Verbraucher, die glauben, sie hätten ein Recht auf billiges Fleisch. Eine intensive Beschäftigung mit der Frage, weshalb ein Kilo Schweineschnitzel weniger als sechs Euro kostet, und wer selbst daran noch etwas verdient, hätte jede Grillparty vermiest.

Im System Fleischwirtschaft gibt es viele dunkle Felder. Es ist höchste Zeit, dass sie ausgeleuchtet werden - mit starken Scheinwerfern bis in den letzten Winkel.

Noch immer behauptet der Fleischfabrikant Tönnies, dass es ihm um die Menschen, die Stadt, den Landkreis gehe. Wenn das stimmte, hätte er sich seit Jahren komplett anders verhalten müssen. Tönnies geht es offenkundig nicht um die Menschen, sondern in erster Linie um Profit und die Firma, die nun in ihrer Existenz bedroht ist. Das Unternehmen gehört Clemens Tönnies und seinem Sohn Max zur Hälfte, die andere Hälfte seinem Neffen Robert Tönnies. Aber Clemens führt das Wort und mimt den Macher.

Für Tönnies sind viele Mitarbeiter offenbar Sachkosten

Jetzt gibt er sich reuig, entschuldigt sich und verspricht Besserung. Aber die Taten passen nicht zu den Worten. Tönnies hätte sich längst bessern können, die Kritik an den Werkverträgen und an menschenunwürdigen Unterkünften ist uralt. Nichts ist geschehen. Seit Jahren streiten Tönnies und sein Neffe über Werkverträge und Tierwohl. Die Pandemie ist nur der Scheinwerfer, der die Missstände in ein grelles Licht rückt.

Wenn es Clemens Tönnies ernst ist, warum trägt er so wenig zur Aufklärung der Corona-Infektionsketten im eigenen Betrieb bei? Warum ist er derart unkooperativ, dass das Vertrauen des Landkreises bei "gleich null" liegt? Tönnies gibt den braven Bürger, der sich an die Datenschutzgrundverordnung hält und mehr als Name, Geburtsdatum und Geschlecht des Werkarbeiters gar nicht wissen dürfe.

Es stimmt, Werkarbeiter sind nicht Mitarbeiter des Fleischkonzerns, dieser führt über sie keine Personalakten. Aber sie sind Mitarbeiter der Subunternehmen. Von denen hätte Tönnies als Auftraggeber sehr wohl verlangen können, Listen mit vollständigen Personaldaten, auch dem Wohnort, zu führen, um diese den Behörden zur Verfügung stellen zu können. Es sind doch nicht die ersten Corona-Fälle in Schlachthöfen der Region. Aber noch vor Wochen tat Tönnies so, als könne in seiner Firma so etwas nicht passieren. Für Tönnies sind viele der Menschen, die für ihn Schweine schlachten und zerlegen, offenbar vor allem Sachkosten, etwas, das er bestellt und abbestellt, je nach Bedarf.

Noch auf dem Tiefpunkt geriert sich Clemens Tönnies, der Schalke-Aufsichtsratschef und Freund Wladimir Putins, selbstherrlich als Macher, der die ganze Fleischwirtschaft verändern will. Die Erklärung, wie er das tun möchte, bleibt er schuldig. Die Scheinwerfer auf ihn und seine Branche dürfen deshalb nicht mehr ausgehen.

© SZ vom 22.06.2020
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