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Todesmärsche im Zweiten Weltkrieg:Die Häftlingskolonnen wurden als Bedrohung aufgefasst

Kleinere Orte und deren ländliches Umfeld und provisorisch geschaffene Notunterkünfte wurden zu Mordstätten und Hinrichtungsplätzen der zu Tode Erschöpften. Wurden die Toten anfangs auf den lokalen Friedhöfen bestattet, so verscharrte man sie kurz vor Eintreffen der Alliierten nur noch am Wegrand, im Wald oder auf dem Acker, um ihre Spuren zu verwischen.

Der umfangreichste Teil dieses Abschnitts ist den "Akteuren" gewidmet, die mit den Kolonnen der Marschierenden oder mit den überfüllten Güterwaggons während deren Aufenthalten an Bahnhöfen oder auf freier Strecke konfrontiert wurden. Nach einem Exkurs zum spezifischen Verhalten von Frauen folgt eine detaillierte Analyse der unterschiedlichen Haltungen und der Handlungen oder unterlassenen Handlungen dieser Akteure.

Zweiter Weltkrieg Wer am Endsieg zweifelt, wird gehängt
Endphaseverbrechen der Nationalsozialisten

Wer am Endsieg zweifelt, wird gehängt

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs werden im Deutschen Reich noch einmal unzählige Menschen ermordet: Deserteure, kriegsmüde Zivilisten, KZ-Häftlinge. Es ist die letzte Abrechnung mit Gegnern, denen die Zukunft zu gehören scheint.   Von Barbara Galaktionow

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Eins von vielen in der Region München: Todesmarsch-Mahnmal des Künstlers Hubertus von Pilgrim beim Bahnhof Pasing.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Außer den begleitenden SS-Wachmannschaften waren es örtliche Vertreter von Verwaltung und Partei wie Bürgermeister, Ortsgruppenleiter der NSDAP, Angehörige von Polizei und Gendarmerie, Volkssturm und Hitlerjugend. Hinzu kamen örtliche Honoratioren wie Lehrer und Pfarrer, die gefordert waren, Stellung zu beziehen und zu handeln. Die lokale Bevölkerung, zumeist in der Rolle unbeteiligter Zuschauer, war trotzdem Teil des Geschehens.

Überall in Deutschland wurden die Häftlingskolonnen und die überfüllten Güterwaggons jedoch als Bedrohung wahrgenommen, die zusammen mit der Angst vor dem befürchteten Chaos des Kriegsendes die Abwehr gegen die Elendsgestalten verstärkte. Hasspropaganda gegen die angeblich gefährlichen fremden Gewalttäter unterstützte das Bedürfnis, sich des Problems möglichst schnell zu entledigen. Man war nicht bemüht, Hilfe vor Ort zu organisieren, sondern wollte, dass die Kolonnen weitermarschierten und die Waggons wieder abfuhren.

Unter dem Stichwort "Situationen" werden schließlich die "Zuschauer" und ihre Handlungsspielräume zwischen unbeteiligter Beobachtung, versuchter Hilfeleistung oder Denunziation von Flüchtenden an einer Vielzahl von Beispielen beleuchtet, die mit der Erschießung einzelner Flüchtender bis zur Beteiligung an Massentötungen endeten. Es gab auch Hilfeleistungen, die allerdings kaum quantifiziert werden können, die aber im Nachhinein überall in den Mittelpunkt der Berichterstattung gerückt wurden.

Die sich anschließende Geschichte der Nachkriegsermittlungen und der strafrechtlichen Verfolgung der Verbrechen, die während der Räumung der Konzentrationslager verübt wurden, war geprägt durch die Entwicklung der unterschiedlichen politischen Blocksysteme. Auch wenn etwa für die US-Militärbehörden die Transporte nicht im Vordergrund standen, sind die ausgewerteten Ermittlungsakten als historische Quelle von großer Bedeutung.

Alliierte entdeckten Reste von Massakern

Insgesamt wurde nur ein Bruchteil der an den Räumungsverbrechen Beteiligten zur Verantwortung gezogen. Deshalb, so urteilt Winter, müsse die Geschichte der strafrechtlichen Ahndung der Lagerräumungen als gescheitert betrachtet werden. Gleichzeitig verdeutlicht er jedoch auf überzeugende Weise die vielfältigen Gründe für dieses Scheitern.

Martin C. Winter: Gewalt und Erinnerung im ländlichen Raum

Martin C. Winter: Gewalt und Erinnerung im ländlichen Raum. Die deutsche Bevölkerung und die Todesmärsche. Metropol-Verlag Berlin 2018. 531 Seiten, 29,90 Euro. E-Book: 24 Euro.

(Foto: Metropol Verlag)

Er hält überdies fest, dass nur dank der jahrzehntelang in Ost wie West geführten Ermittlungen das Thema nicht dem Vergessen anheimfiel, die Verstrickung der Bevölkerung festgeschrieben wurde und das angesammelte Wissen auch zukünftig für die Forschung und die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Folgen der NS-Verbrechen nutzbar gemacht werden kann.

Der abschließende Teil der Studie zur Erinnerung an die Opfer der Räumungstransporte beginnt mit den Aktionen der Alliierten, die in der Schlussphase des Krieges auf ihren Vormärschen auf Reste von Massakern, die von den Wachmannschaften zurückgelassenen Marschkolonnen und die Toten und Überlebenden in den Güterwaggons stießen. Die Überlebenden mussten medizinisch versorgt und ernährt, die Toten exhumiert und würdig bestattet werden. Gleichzeitig begann die Identifizierung der Opfer.