Tod mit 35 Der Junge von der Union

Philipp Mißfelder - 1979 bis 2015.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Er prägte die Junge Union und galt in der CDU lange als kommende Kraft: Mit nur 35 Jahren ist Philipp Mißfelder gestorben. Er erlag in der Nacht zu Montag einer Lungenembolie. Er hinterlässt Frau und zwei kleine Töchter.

Von Robert Roßmann, Berlin

Es gibt nicht viele Nachrichten, die das politische Berlin verstummen lassen. Das gilt erst recht, wenn in der Nacht zuvor die Zukunft der EU auf dem Spiel stand - die Hauptstadt ist dann an Betriebsamkeit kaum zu überbieten. So war es auch am Montagmorgen. In Brüssel hatten die Staats- und Regierungschefs gerade den Durchbruch bei den Griechenland-Verhandlungen erzielt. Und in Berlin begannen die Spin-Doktoren aller Parteien, ihre Deutungen unters Volk zu bringen. Da machte plötzlich eine Nachricht die Runde, die alle Griechenland-Debatten erst einmal stoppte: Philipp Mißfelder sei gestorben - mit gerade mal 35 Jahren.

Unionsfraktionschef Volker Kauder bestätigte den Tod am späten Vormittag. "Wir sind bestürzt, fassungslos und traurig", sagte Kauder. Der CDU-Vorstand verschob den geplanten Beschluss zur großen Parteireform. Und der Bundestag setzte die Fahnen vor dem Parlament auf halbmast - es war das äußere Zeichen für das Entsetzen vieler Abgeordneter. War Mißfelder nicht so etwas wie der ewige Aushänge-Jugendliche des Bundestags? Ein kerngesunder Mann von fast zwei Metern Größe? Und ausgerechnet den soll der Tod aus dem Leben gerissen haben? Manch ein Abgeordneter fing angesichts der Nachricht für einen Moment an, seinen eigenen Lebensstil infrage zu stellen.

Am Samstag hatte Mißfelder noch mit Journalisten über die Griechenland-Krise gesprochen. Es ging ihm offenbar gut. In der Nacht auf Montag erlag er völlig überraschend einer Lungenembolie. Mißfelder hinterlässt eine Frau und zwei kleine Töchter. Es ist das schreckliche Ende einer ungewöhnlichen Karriere.

In seiner Alterskohorte war Mißfelder in der CDU lange ein Solitär. Es gab keinen, der auch nur annähernd so erfolgreich war. Und es gab nur wenige, die so früh im Leben Politik zum Vollzeitgeschäft machten. Mißfelder trat 1993 in die Junge Union ein, er war damals erst 14 Jahre alt. 1995 wurde er auch CDU-Mitglied. 1998 war er bereits Bundesvorsitzender der Schüler Union, 1999 zog er in den CDU-Bundesvorstand ein - damals war Wolfgang Schäuble noch Parteichef. 2002 wurde Mißfelder JU-Vorsitzender, 2005 auch Bundestagsabgeordneter.

Mißfelder hat die Junge Union geprägt, wie kein Vorsitzender vor ihm. Er führte die Jugendorganisation zwölf Jahre lang - und damit länger als jeder seiner Vorgänger. Und er schuf sich in dieser Zeit ein Netzwerk in der CDU, wie es nur wenige haben. Kungeln musste Mißfelder niemand mehr beibringen. Außerdem profilierte er sich als Außenpolitiker. Seit 2009 war er außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion.

Es wird diesem Leben nicht gerecht, aber in Erinnerung bleiben wird Mißfelder vor allem wegen seiner Verehrung für Helmut Kohl und einer Hüftgelenk-Affäre. Kurz nach seiner ersten Wahl zum JU-Vorsitzenden hatte Mißfelder gemeint, sich mit der Forderung profilieren zu müssen, 85-Jährigen keine Hüftgelenk-Operationen mehr zu bezahlen. Er war damit zwar schlagartig bekannt, hatte aber für viele Jahre mit dem Ruf zu kämpfen, ein herzloser Pimpf zu sein. Als der 85-jährige Kohl vor wenigen Wochen ein künstliches Hüftgelenk bekam, beklagte sich Mißfelder jedenfalls nicht mehr.

Als Mißfelder 2008 sogar ins CDU-Präsidium einzog, rief eine Boulevard-Zeitung das Nachwuchstalent bereits zum nächsten Helmut Kohl aus, Mißfelder schienen alle Ämter offenzustehen. Jetzt ist er vor seinem Idol gestorben. Der politische Stern Mißfelders war allerdings schon seit dem vergangenen Jahr am Sinken. In der CDU wurde ihm eine Reise zur Geburtstagsfeier für Altkanzler Gerhard Schröder in St. Petersburg übel genommen, an der auch Wladimir Putin teilnahm. Außerdem kam Mißfelder wegen erheblicher Einkünfte aus Nebentätigkeiten in Rechtfertigungsnöte. Am meisten machte ihm aber zu schaffen, dass seine wichtigste Machtbasis weggebrochen war. Wegen der Altersgrenze konnte er 2014 nicht noch einmal als JU-Vorsitzender antreten. Er verlor auch seinen Platz im CDU-Präsidium. Auf dem sitzt jetzt Jens Spahn. Der Finanzstaatssekretär und CDU-Generalsekretär Peter Tauber sind die neuen Jung-Stars der CDU, von Mißfelder sprach schon länger keiner mehr.

Sein Tod reißt in der Unionsfraktion trotzdem eine große Lücke. Ende Dezember war bereits der für Außenpolitik zuständige Fraktionsvize Andreas Schockenhoff überraschend gestorben. Jetzt verliert die Union in Mißfelder auch noch ihren außenpolitischen Sprecher. Dabei ist die Außenpolitik eh schon eine der Schwachstellen der CDU. Hinter Angela Merkel, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und dem Finanz-Außenpolitiker Wolfgang Schäuble klafft in der Fraktion eine gewaltige Lücke.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) lobte am Montag die Expertise Mißfelders, die der Union jetzt fehlen wird. Er habe Mißfelder "als talentierten Politiker, der sich allen wichtigen außenpolitischen Fragen mit großer Kenntnis und höchstem Engagement angenommen hat, sehr geschätzt", sagte Steinmeier. Ihn habe beeindruckt, "wie viel Erfahrung er in jungem Alter bereits gesammelt" habe.

Mißfelder hatte sich als Außenpolitiker immer für die Aussöhnung mit Israel eingesetzt. Sein Tod sei deshalb auch für sein Land "ein großer Verlust", sagte der israelische Botschafter Yacov Hadas-Handelsman. Mißfelder sei ein Vertreter der jungen deutschen Generation gewesen, "die sich für Israel und das gesamte jüdische Volk engagiert, im Sinne der Vergangenheit und der Zukunft gleichermaßen". Israel werde ihn deshalb als "wahrhaftigen Freund" in Erinnerung behalten.

Am Freitagmorgen werden auch die Abgeordneten Abschied von Mißfelder nehmen. Bevor der Bundestag über die Griechenland-Verhandlungen abstimmt, kommen die Parlamentarier zu einer Totenmesse in der Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale zusammen.