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Anschlag in Hanau:Was hinter dem Frauenhass rechter Attentäter steckt

Blumen, Kerzen und die Zeichnung einer Frau schmücken den Marktplatz in Hanau zum Gedenken an die rechtsextremistische Mordtat.

(Foto: AP)

Der mutmaßliche Täter von Hanau offenbart in seinem Pamphlet ein gestörtes Verhältnis zu Frauen. Das ist bei rechten Terroristen ein gängiges Motiv.

In dem Konvolut, das der mutmaßliche Zehnfachmörder Tobias R. hinterlassen hat, begründet er detailliert seine Vernichtungsfantasien zu Migrantengruppen in Deutschland und zur Bevölkerung von asiatischen, arabischen und afrikanischen Ländern. Dann kommt ein Abschnitt mit der Überschrift "Frauen".

Vergleicht man die Selbsterklärungen, die zu den großen rechtsextremistischen Mordtaten in Hanau und Halle, aber auch im vergangenen Jahr in Christchurch, El Paso oder Dayton abgegeben wurden, und vergleicht man das Verhalten der Urheber vor ihren Gewaltausbrüchen, so fallen einige Gemeinsamkeiten auf. Eine ist ein Blick auf Frauen, der sich als extreme Anspruchshaltung beschreiben lässt.

Tobias R. schildert, wie "Freude- und leistungshemmend" es für ihn gewesen sei, als Jugendlicher "keinerlei feste Freundin" gehabt zu haben. "Weniger gut aussehende Frauen" habe er sich nicht "nehmen" wollen. Verhältnisse zu solchen, die seine "hohen Ansprüche" erfüllten, seien von einer "Geheimorganisation" verhindert worden, die in seiner psychischen Krankheit offenbar eine große Rolle spielte. Es ergibt sich das Bild eines Mannes, der Frauen als bewertbare Verfügungsmasse sieht und sich zugleich sehr abhängig fühlt von ihrer Anerkennung.

Ein gestörtes Verhältnis zu Frauen zeigte auch der Amerikaner, der in Dayton zehn Menschen, darunter seine Schwester, erschoss. Er führte als Jugendlicher eine Liste von Mitschülerinnen, die er zu vergewaltigen wünschte. Der Mann, der seinen versuchten Anschlag auf die Synagoge in Halle und den anschließenden Mord an zwei Menschen filmte, beginnt sein Video so: "Ich glaube nicht an den Holocaust, und Feminismus ist der Grund für die sinkende Geburtenrate in Europa." Damit bezieht er sich auf eine Art Katechismus der radikalen Rechten, den auch der 50-fache, geständige Mörder von Christchurch angeführt hat: "Es ist die Geburtenrate. Es ist die Geburtenrate. Es ist die Geburtenrate." Der Mann, der in einem Einkaufszentrum in El Paso 22 Menschen erschoss, verwies ebenfalls auf Demografie.

Dass Frauen in westlichen Gesellschaften heute weniger Kinder bekommen, wird - nicht zu Unrecht - dem Einfluss der sexuellen Befreiung der Frau und dem Feminismus zugeschrieben. Sabine Hark, Professorin für Genderwissenschaften an der Technischen Universität Berlin, sagt: "Die sinkende Geburtenrate unter weißen Frauen wird als Bedrohung für die weiße Dominanz gesehen" - weil "wir" zu wenige sind, sind "die anderen" zu viel.

Das wiederum wird von vielen in der rechten Szene, nach einer gängigen Theorie des französischen Ideologen Renaud Camus, als Ziel einer jüdischen Verschwörung geschildert: "Judith Butler hat sich das in Berkeley ausgedacht, die EU setzt das im Gendermainstreaming um, und an den deutschen Universitäten waschen Genderprofessorinnen die Gehirne der Studierenden", fasst Hark zusammen. Solche Theorien sind besonders beliebt in jenen Online-Foren, die Experten als die "manosphere" - die Mannosphäre - bezeichnen; dort tauschen sich frustrierte junge Männer über ihren mangelnden Kontakt zu attraktiven Frauen aus. So werde der gemeinsame Frust auf die Frau zu einer "Einfallsschneise" für rechtsextreme Ideologiekonstrukte, sagt Hark.

Die Bekämpfung des vermeintlichen Fortpflanzungsrückstands westlicher, nicht jüdischer Weißer dient also einerseits als Rechtfertigung für groß angelegte rassistische und antisemitische Morde, aber eben auch für die Forderung, körperliche und wirtschaftliche Selbstbestimmung von Frauen einzuschränken. "Verbindend ist die Vorstellung, dass der weibliche Körper bestimmten Männern zur Verfügung stehen soll", sagt Sabine Hark - ob für ihre persönlichen Bedürfnisse oder ihre bevölkerungsideologischen Ziele.

Bei Tobias R. findet sich nicht nur die beschriebene biopolitische Obsession. In seinem Fazit nennt er die Tatsache, sein "Leben lang keine Frau / Freundin" gefunden zu haben, als eine der zentralen Belastungen, die ihn nun zum Handeln veranlassten. Allein, dass er "Frauen" so ausdrücklich als Problem erwähnt, zeigt, welche Bedeutung sie in diesem Zusammenhang für ihn gehabt haben müssen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes wurde Sabine Hark als Professorin der Humboldt Universität Berlin bezeichnet.

© SZ vom 22.02.2020/cck / haa
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