Tirols Freiheitsheld Andreas Hofer Hofers Gottesstaat

Nach den gewonnenen Berg-Isel-Schlachten fällt Hofer mangels anderer Landesherrlichkeit die Regentschaft in Innsbruck zu. Der Erfolg macht ihn in ganz Europa als Helden bekannt. Der "Vater und Erlöser", wie ihn Mitkämpfer Speckbacher tituliert, errichtet eine Art Gottesstaat. Patriotisches und religiöses Pathos verfließen.

Gebirgsschütze in der Tradition des Ahnen: Hofer-Nachfahre Andreas Lorenzi

(Foto: Foto: dpa)

Gott hat durch ihn gegen Volkssouveränität, gegen die französischen Revolutionsideen und das Ende des Gottesgnadentums entschieden. Modernismus, Rationalismus, Realismus, Freimaurerei, Klosterstürmerei scheinen endgültig besiegt.

Ein grotesker Haufen von Einflüsterern kocht mehr christliche als staatliche Regeln aus. Die Kirche bekommt zurück, was Bayern ihr genommen hat. Frauen haben "ihro Brust- und Armfleisch zu bedecken". Tanz und Bälle sind als Feste des "Lasters" verboten. Wirtshäuser haben während des Gottesdienstes zu schließen. Nächtliche Trunkenheit ist strafbar.

Die Schnaps- und Weinsteuern der Bayern bleiben. Tirol ist isoliert. Mauten, Zölle, die Spann- und Fuhrdienste, von denen Tirol so reich gelebt hatte, bringen nichts mehr. Die Wirte, direkte und treueste Gefolgschaft des Wirts und Weinhändlers Hofer, murren.

Ein heutiger Biograph weist die vielen Fehleneinschätzungen einem verhängnisvollen Umstand zu: "Schlechte Nachrichten wurden in Hofers Umgebung allzu oft im Suff ertränkt."

Wankelmütiges Wien

Hofer regiert ungern. Sein staatsmännisches Meisterstück liefert er mit dem Verbot der Pockenschutzimpfung, die Bayern eingeführt hatte: Hier handele es sich um den Versuch, arglosen Tiroler Seelen "bayerisches Denken" einzuflößen.

Napoleon verliert unerwartet eine Schlacht. Der wankelmütige Kaiser Franz verspricht darauf den Tirolern, ihr Land nie mehr preiszugeben. Es wird nach den nächsten Niederlagen Österreichs unverzüglich wieder an den Korsen verhökert.

Doch niemand schenkt den Tirolern reinen Wein ein; Wien schürt Illusionen. Die vierte, letzte Schlacht am Berg Isel verlieren Hofer und die Bauern. Sie haben nach wie vor weder Struktur noch Strategie, der Feind aber hat gelernt.

Hofer unterwirft sich, widerruft. Rückzug und verzweifelte Scharmützel am Brenner. Die letzte Gelegenheit, als biederer Sandwirt ins Passeiertal heimzukehren, verfluchen die Fanatiker.

Flucht auf die Pfaundleralm, Verrat eines um seine Familie besorgten bäuerlichen Nachbarn, ein gezinktes Standgerichtsverfahren. Hofer stirbt, ohne dass der Kaiser ihm nachträglich Legitimität verschafft hätte, ohne die Begnadigung zu betreiben. Als Wien sich endlich zu vorsichtiger Intervention in Paris entschließt, ist Hofer längst tot.

Eine Historikerin unserer Tage hat Briefschaften, Laufzettel und Befehle des Andrä Hofer untersucht, wie oft wohl das Wort "Freiheit" darin auftauche. Sie hat es nicht gefunden.

Ein Innsbrucker Gemeinderat wendet sich dezidiert gegen den Feiertrubel des Jubeljahres. Bei allem Respekt für dessen Geradlinigkeit könne Hofers Heldentum "uns nichts für die Zukunft lehren". Er nennt den Frömmler den "obersten Taliban" Tirols.

Die Tiroler Schützen aber werden beim Marschieren weiter unverdrossen das Andreas-Hofer-Lied singen, das als Landeshymne weder verändert, noch mit fremdem Text gesungen werden darf. Früher gab es für solche Lästerung Haft, heute begnügt man sich mit Geldbußen.