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Coronavirus:"Wir in Tirol haben Pech gehabt"

Ski Skigebiet Snowboarden Alpen Mayrhofen

Das Skigebiet um Mayrhofen im Zillertal ist beliebt.

(Foto: Mayrhofner Bergbahnen)

Mayrhofen im Zillertal beherbergt bis zu 18 000 Gäste pro Nacht - wegen Covid-19 bricht das Geschäft erst mal weg. Bürgermeisterin Monika Wechselberger schildert die Auswirkungen auf den Ort - und findet, dass die Kritik an Tirol überzogen ist.

Mayrhofen im Tiroler Zillertal ist dank seiner malerischen Lage einer der meistbesuchten Touristenorte Österreichs. Die Marktgemeinde hat weniger als 3900 Einwohner, beherbergt Jahr für Jahr bislang mehr als 1,2 Millionen Gäste. Die Corona-Pandemie hat für einen vollständigen Stopp des Tourismus gesorgt. Bürgermeisterin Monika Wechselberger, die seit 2016 amtiert, schildert im SZ-Gespräch, wie einschneidend sich die Krise auf die Mayrhofen auswirkt - die Kritik am Tiroler Krisenmanagement hält sie für überzogen: "Tirol als Seuchenherd hinzustellen, empfinde ich deshalb als Unverschämtheit", sagt Wechselberger.

SZ: Vor etwa zwei Wochen wurde der erste Corona-Fall in Mayrhofen diagnostiziert. Wie viele Menschen sind aktuell in Ihrer Gemeinde an Covid-19 erkrankt, Frau Bürgermeisterin?

Monika Wechselberger: 28 - das ist der Stand von Mittwochabend. Anfang der Woche war die Zahl auf 34 geklettert, inzwischen sind wieder einige gesundet. Natürlich sind auch bei uns in der Gemeinde alle Einrichtungen geschlossen, das Schwimmbad, das Veranstaltungs- und Kulturzentrum und auch das Gemeindehaus.

Und die Touristen sind auch weg. Das öffentliche Leben dürfte im Zillertal stillstehen.

Ja, äußerlich, die Gemeindeverwaltung hat trotzdem viel zu tun: Da ruft ein Mayrhofener an und fragt, wie seine Frau, die in Hamburg beruflich ihren Wohnsitz hat, nach Österreich kommt. Oder: Eine 24-Stunden-Pflegekraft ist zurück ins Ausland, nun braucht man dringend Ersatz.

Mayrhofen lebt vom Tourismus, in Spitzenzeiten beherbergen Sie bis zu 18 000 Gäste pro Nacht. Wie schwer treffen die Auswirkungen der Corona-Krise Ihre Gemeinde?

Die Tourismusbranche ist momentan am Boden. Der an sich starke März endete jäh, das Ostergeschäft findet nicht statt. Wir leben auch stark vom Handel, von unserer sehr stark frequentierten Hauptstraße - unsere Hauptlebensader. Im letzten August haben wir an einem Tag 12 000 Fußgänger gezählt sowie 2500 Pkw und 1400 Fahrradfahrer. Das sind also fast 16 000 Menschen, die sich täglich auf einem Kilometer hin und her bewegen. Entlang der Straße gibt es 54 Geschäfte und 21 Gastronomie-Betriebe. Das ist jetzt alles dicht.

Monika Wechselberger, Bürgermeisterin von Mayrhofen im Zillertal

Monika Wechselberger amtiert seit 2016 als Bürgermeisterin von Mayrhofen im Zillertal.

(Foto: Privat)

Wann rechnen Sie damit, dass wieder aufgesperrt wird?

Die Geschäfte öffnen hoffentlich bald wieder. Aber was den Normalbetrieb betrifft, muss man realistisch sein: Vor Juni wird es wohl keine Normalisierung geben. Die nächsten beiden Monate werden wir vermutlich komplett streichen müssen - wenn man den März noch mitzählt, dann sind es zweieinhalb Monate, in denen hier das Geschäft stillsteht. Den Betrieben fehlt also etwa 30 Prozent Umsatz - das ist sehr viel. Auf der anderen Seite bin ich verhalten optimistisch: Der Großteil der Betriebe im Zillertal ist wirtschaftlich so gesund, dass wir auch diese Krise überstehen. Natürlich muss jeder seine Budgetierung sehr vorsichtig gestalten.

Wie ist denn die Stimmung bei den Menschen im Ort?

Zur weit verbreiteten Zillertaler Mentalität gehört, dass man tendenziell unverdrossen ist. Meine Aufgabe ist es, dass wir nicht nur über die Krise sprechen, sondern über die Zeit danach. Perspektive schafft Zuversicht. Wir malen nicht permanent den Teufel an die Wand.

Inzwischen wächst die Kritik an den Tiroler Behörden: Man habe auf die ersten Corona-Fälle nicht schnell und konsequent genug reagiert hat, weil man die ausgehende Wintersaison nicht gefährden wollte. Was sagen Sie zu den Vorwürfen?

Mag sein, dass sich manches im Nachhinein als Fehler herausstellt, aber Tirol wird momentan in ein falsches Licht gerückt. Ich empfinde die pauschale Kritik als unverhältnismäßig. Manche verwechseln Fleiß mit Gier.

Fakt ist doch, dass sich in Ischgl zahlreiche Urlauber mit dem Virus angesteckt und die Krankheit auf diese Weise in alle Himmelsrichtungen getragen haben.

Fakt ist, dass die Pandemie von China ausgegangen ist, sie kam erst später nach Italien, Frankreich, Deutschland und eben auch nach Österreich. Viele Touristen aus diversen Staaten haben diese Krankheit weitergetragen. Tirol als Seuchenherd hinzustellen, empfinde ich deshalb als Unverschämtheit. Wenn du ein kleines Land hast wie Tirol, wo in der Wintersaison viele Leute auf engem Raum beieinander sind, dann hat es eine solche Krankheit natürlich leichter, sich zu verbreiten. Aber ich erwarte auch Fairness: Zu anderen Jahreszeiten ballen sich die Menschen an anderen Orten. Es kann doch jeden mal treffen. Wenn das Virus im Herbst während des Oktoberfestes gekommen wäre, hätten die Münchner Behörden es vermutlich auch schwer gehabt, schnell die Lage zu überblicken. Wir in Tirol haben Pech gehabt.

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Noch weiß niemand, wie lange genau die Corona-Krise andauert. Verzeichnen Sie denn angesichts dieser Unsicherheit viele Absagen in Mayrhofen für Sommer und Herbst?

Erfreulich wenige, wir haben auch viele Stammgäste, die auf jeden Fall kommen wollen. Ich spreche da aus eigener Erfahrung: In der Familie vermieten wir auch eine Ferienwohnung - bislang haben wir keine einzige Stornierung für den Sommer. Die Leute freuen sich offensichtlich darauf, nach der Zeit der Ausgangsbeschränkungen zu uns in die Berge zu kommen.

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© SZ.de/thba
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