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Corona und Großveranstaltungen:Ein Konzert als Experiment

Tim Bendzko

Ein Konzert von Sänger Tim Bendzko soll als Experiment dafür dienen, wie Großveranstaltungen in Zeiten von Corona funktionieren könnten.

(Foto: dpa)

4000 Probanden, der Sänger Tim Bendzko und dazu massenhaft Messtechnik: Wie ein groß angelegter Versuch in Leipzig helfen soll, Großveranstaltungen nach Corona wieder zu ermöglichen.

Von Cornelius Pollmer, Halle/Saale

Es sind drei Tage im März, von denen Karsten Günther zu Beginn seines kleinen Vortrags erzählt. Am 8. März habe die Arena Leipzig das bislang letzte Heimspiel der Handballer vom SC DHfK erlebt, dessen Geschäftsführer er ist. Am 10. März spielte in derselben Arena James Blunt das bislang letzte Konzert. Und am 11. März, sagt Günther, habe er eine Nachricht bekommen, in der stand: Jetzt geht erst einmal nichts mehr.

Die Sport- und Kulturbranche leide, "sie ist noch nicht tot, aber sie liegt im Koma", sagt Günther. Beschäftigte sind in Kurzarbeit, Tausende Künstler und Leistungssportler fühlten sich "wirkungslos". Günther will das nicht als Kritik an bisherigen politischen Maßnahmen missverstanden wissen, die Ausbreitung von Corona zu reduzieren. "Aber wir müssen herausfinden, ob die magischen Grenzen, die da draußen kursieren, stimmen - oder ob es Möglichkeiten gibt, sie zu beeinflussen."

Zunächst wird untersucht, wie Lufttechnik die Ausbreitung von Aerosolen beeinflusst

Um genau diese Frage geht es in einem sehr speziellen Projekt, das das Universitätsklinikum Halle am Freitag mit der in Sachsen für gesellschaftlichen Zusammenhalt zuständigen Ministerin Petra Köpping und Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (beide SPD) vorstellen. Dieses Forschungsprojekt trägt den Namen "Restart-19" und sein Maximalpunkt besteht zweifellos in einem Großversuch am 22. August. In der Arena Leipzig sollen dann in der Spitze 4000 Probanden ein Konzert von Tim Bendzko erleben, während Forscher von Abständen bis Aerosolen alles mögliche messen mit dem Ziel, herauszufinden, unter welchen Bedingungen Großveranstaltungen in Hallen wieder möglich werden könnten, ohne dass sich neue Ausbruchsherde bilden.

Die Länder Sachsen und Sachsen-Anhalt beteiligen sich in ähnlichen Umfängen an der Finanzierung jener 990 000 Euro, die das Projekt in Anspruch nehmen wird. Während Sachsen-Anhalt dafür Forschungsgelder aufruft, kommt der sächsische Anteil aus einem Kulturetat. Politisch ist so ein Vorhaben durchaus heikel, insbesondere Sachsen hatte für seine Ankündigung, ab dem 1. September Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern unter Auflagen wieder zuzulassen, auch Kritik erhalten. Die beiden Minister sagen am Freitag, warum sie das von Günther, dem Uniklinikum und anderen initiierte Projekt dennoch unterstützen. Willingmann sagt, mit Blick auf die im wirtschaftlichen Koma liegende Branche, "wir müssen uns irgendwann klar werden, dass Überbrückungsgelder keine Dauerlösungen sind". Köpping betont, dass der Besuch von Großveranstaltungen ein ernst zu nehmendes Bedürfnis vieler in der Gesellschaft sei. Das Geld sei auch deswegen ein "gut investierter Betrag, weil wir dann Antworten geben können" an diese Gesellschaft - Antworten im Sinne von: was geht, was nicht. Im Übrigen mache man all dies ja "nicht aus einer guten Laune heraus, sondern wissenschaftlich fundiert".

Für diese Wissenschaft zuständig ist Dr. Stefan Moritz, Leiter der Infektiologie an der Universitätsmedizin Halle (Saale). Er und sein Team wollen die Arena Leipzig zunächst im Computer nachbauen und dort in je einen Kubikzentimeter große Würfel unterteilen. Sie wollen dann 4000 virtuelle Personen einlassen und schauen, wie deren Aerosole sich in Abhängigkeit der Raumlufttechnik bewegen.

Diese Berechnungen gehören zu den ersten Teilprojekten von "Restart-19", sie sollen zu einem mathematischen Risikomodell führen, das hilft, Luftbewegungen und Infektionsgeschehen in Hallen besser zu verstehen und auch zu steuern, etwa über Belüftungsanlagen.

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Erst danach folgt im August Teilprojekt 5: "Simulation einer Großveranstaltung unter normalen und optimierten Prozessen". Alle 4000 Probanden, die sich für das Projekt auf www.restart-19.de registrieren, erhalten Sensoren, die Anzahl und Dauer von Kontakten messen. Schon bei der Anreise sollen Risiken in öffentlichen Verkehrsmitteln und Pkw ermittelt werden, in der Halle selbst werden die Probanden fluoreszierendes Händedesinfektionsmittel benutzen. Dies habe, sagt Moritz, zwei Vorteile. Zum einen könne sein Team nach dem Konzert mit UV-Lampen durch die Halle gehen und "kritische Oberflächen" identifizieren - zum anderen erreiche man so eine spitzen Handhygiene.

Überhaupt, darauf legt nicht nur Petra Köpping wert, werde bei dem Versuch viel getan, um Infektionen zu verhindern. Nur gesunde Probanden zwischen 18 und 50 sind zugelassen, zudem sollen alle Teilnehmer 48 Stunden vorher auf das Virus getestet werden. Schon bei der bloßen Projektvorstellung am Freitag wird bei allen Fieber gemessen. "Sechsunddreißigzwei", hört Petra Köpping, nachdem es gepiept hat. "Wunderbar", sagt die Ministerin.

© SZ vom 18.07.2020
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