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Deutschlandtag:Wie Tilman Kuban es an die Spitze der Jungen Union schaffte

  • Die Jugendorganisation von CDU und CSU wählt den Niedersachsen Tilman Kuban zum neuen Chef - er setzt sich gegen Stefan Gruhner aus Thüringen durch.
  • Kuban hatte zuvor in einer ungewöhnlich rustikalen Rede nicht nur die politischen Gegner, sondern auch vieles in der eigenen Partei angegriffen.
  • Seine Wahl ist ein weiteres Zeichen dafür, dass die CDU ihre Abnabelung von Merkel begonnen hat.

Die alte und die neue CDU-Vorsitzende mögen sich in vielem ähnlich sein - ihr Verhältnis zur Jungen Union gehört sicher nicht dazu. Angela Merkel hat mit den konservativen Positionen und der Helmut-Kohl-Verehrung der JU nie viel anfangen können. Ihr ist auch das Organisationsgewese der zumeist jungen Männer fremd. Auf dem letzten Deutschlandtag der Jungen Union monierte sie, dass in der JU-Spitze keine einzige Frau sitzt. Gut möglich, dass sich Merkel bei ihren Besuchen bei der JU immer gedacht hat, dass die DDR wenigstens einen Vorteil hatte: Sie hat ihr eine Jugend in der JU erspart. Beim Fall der Mauer war Merkel 35, das ist die Altersgrenze der Jungen Union.

Annegret Kramp-Karrenbauer hat dagegen eine klassische Sozialisation in der Parteijugend hinter sich. Unter anderem war sie stellvertretende JU-Chefin im Saarland. Sie weiß, mit welchem Ton man auf Deutschlandtagen punktet. 2015 begann sie ihre Rede etwa mit der Bemerkung: "JU heißt eben, man kann hart feiern, und man kann hart arbeiten", die Jungsozialisten könnten dagegen weder feiern noch arbeiten. Kramp-Karrenbauer erntete für diese Bemerkung jede Menge Applaus. Es war übrigens der Deutschlandtag, auf dem Merkel wegen ihrer Flüchtlingspolitik heftig angegriffen wurde.

An diesem Samstag hatte die Junge Union erneut zu einem Deutschlandtag geladen, diesmal in Berlin. Weil der bisherige Vorsitzende Paul Ziemiak im Dezember CDU-Generalsekretär wurde, musste ein neuer JU-Chef gewählt werden. Merkel ist nicht mehr CDU-Vorsitzende - und verzichtete deshalb auf einen Besuch. Dafür hatte Kramp-Karrenbauer ihren ersten Auftritt als Parteichefin bei der JU. Aber der neue Mann an deren Spitze dürfte sogar sie überrascht haben.

Tilman Kuban

Tilman Kuban, 31, wurde beim JU-Deutschlandtag zum neuen Vorsitzender der Jungen Union gewählt. Er stammt aus Niedersachsen. Sein Motto: "Sturmfest und erdverwachsen".

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Im Rennen um die Ziemiak-Nachfolge hatte lange der Thüringer Stefan Gruhner als Favorit gegolten. Doch nach einer Bewerbungsrede, die in ihrer Wucht und Rustikalität einem Aschermittwochsauftritt glich, wurde Tilman Kuban zum neuen JU-Chef gewählt. Der Niedersachse erhielt 200 Stimmen, Gruhner lediglich 119.

"Kevin, mach dein Studium fertig, dann kannst du dir eine eigene Wohnung leisten"

Gruhner war der erfahrenere Kandidat, er ist seit fast einem Jahrzehnt Landesvorsitzender in Thüringen, seit 2014 sitzt er dort auch im Landtag. Aber die Junge Union bevorzugte den Bewerber, der sich auch als Kandidat der Basis gegen das Establishment inszenierte - und der in seiner Bewerbungsrede nicht nur die politischen Gegner, sondern auch vieles in der eigenen Partei attackierte.

Es dürfe nicht sein, "dass die Verteidigungsministerin mehr Kinder hat als fliegende Flugzeuge", schimpfte Kuban über die siebenfache Mutter Ursula von der Leyen. Er versprach, "bis zur letzten Patrone" gegen die Upload-Filter zu kämpfen, die Merkels Regierung unterstützt. Er griff die "Toyota-Heinis von der Umwelthilfe" an. Und er schrie in den Saal: "Wenn die Linken in unserem Land sich hinstellen und lieber für die Schultoiletten des dritten bis 312. Geschlechts kämpfen", dann stünde die Junge Union dagegen auf. Dem Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert empfahl er wegen dessen Sympathie für die Enteignung von Wohnungsunternehmen: "Kevin, mach dein Studium fertig, dann kannst du dir eine eigene Wohnung leisten." An dieser Stelle dürfte auch der bisherige JU-Chef Ziemiak gezuckt haben, denn der hat ebenfalls noch keinen Studienabschluss.

Kuban verlangte aber auch ein deutlich härteres Durchgreifen in der Innen- und Flüchtlingspolitik. In Deutschland sei nicht willkommen, wer sich nicht an die Gesetze halten wolle - schließlich gelte hier nicht die Scharia, sagte der 31-Jährige. Er hatte bereits im Oktober 2015 einen Brandbrief von CDU-Politikern gegen Merkels Asylpolitik unterzeichnet - und gehörte damit zu den ersten in der CDU, die sich deutlich gegen die Kanzlerin stellten. Seine Wahl zum JU-Vorsitzenden ist ein weiteres Zeichen dafür, dass in der CDU die Zeit der Abnabelung von Merkel begonnen hat.

Kuban ist derzeit Leiter der Rechtsabteilung bei den Unternehmerverbänden Niedersachsen. Aber er kandidiert gerade für das Europaparlament - sein Listenplatz ist so gut, dass seine Wahl als sicher gilt.

Vor der Wahl Kubans hatte sich Ziemiak von den Delegierten verabschiedet. Der 33-Jährige stand seit September 2014 an der Spitze des Verbandes. Die größte Herausforderung in seiner Amtszeit war das Austarieren der Differenzen in der Flüchtlingspolitik, die der Herbst 2015 auch in der Jungen Union ausgelöst hatte. Die JU ist die gemeinsame Jugendorganisation von CDU und CSU. In seiner Rede berichtete Ziemiak von Krisentreffen auf Flughäfen, weil auch bei der Jungen Union die Gefahr der Spaltung bestanden habe.

Den stärksten Applaus bei seiner Rede erhielt Ziemiak, als er Kramp-Karrenbauer dafür lobte, in der Debatte um ihren Karnevalsscherz über Intersexuelle nicht "eingeknickt" zu sein - und als er kritisierte, dass Mesut Özil den umstrittenen türkischen Präsidenten kritiklos als Ehrengast zu seiner Hochzeit eingeladen habe, obwohl er als deutscher Nationalspieler eine Vorbildfunktion habe. Damit offenbarte Ziemiak allerdings auch, dass er die Nationalmannschaft nicht mit besonders großem Interesse zu verfolgen scheint, denn Özil spielt gar nicht mehr für die Elf.

Wenn Ziemiaks Nachfolger Kuban als neuer JU-Chef so agiert, wie es seine Bewerbungsrede vermuten lässt, dürfte die CDU-Spitze es mit der JU künftig deutlich schwerer haben als bisher. Bei ihrem Auftritt auf dem Deutschlandtag hat Kramp-Karrenbauer zwar beteuert, sie wünsche sich eine JU, die Dampf mache. Das sei etwas, was sie als CDU-Vorsitzende "gut aushalten" könne. Als Kramp-Karrenbauer das sagte, hatte Kuban allerdings noch nicht gesprochen. Und viele dachten noch, Gruhner könne gewinnen. Es kam dann anders.

Dafür gibt es jetzt auch eine Frau in der JU-Spitze: Heike Wermer wurde zur stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Zumindest das dürfte dann auch Merkel gefallen haben.

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