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Tierschutz:Das mag keine Sau

Trächtige Schweine können sich in vielen Ställen nicht einmal hinlegen.

Eine trächtige Sau ist nicht zu beneiden. Ein Gitter links, ein Gitter rechts, dazwischen gut 70 Zentimeter Platz. An die fünf Wochen lang muss sich das arme Tier im Deckzentrum mit diesem Platz arrangieren, und noch mal vier bis fünf Wochen im sogenannten "Abferkelbereich", wo sie ihre Ferkel säugt. Zum Hinlegen hat die Sau im sogenannten Kastenstand kaum Platz. Tierschützer sind entsetzt.

An diesem Montag kommt der Agrarausschuss des Bundesrates zu einer Sondersitzung zusammen, es geht um eine Neufassung der Tierschutz-Vorgaben. Die Sache drängt seit einem Urteil des Verwaltungsgerichts Magdeburg 2015. Ein Veterinäramt im Jerichower Land hatte bei einem Betrieb die Breite der Kastenstände gerügt, der Züchter hatte dagegen geklagt. Die Sache ging bis hinauf zum Bundesverwaltungsgericht, dessen Urteil wiederum keinen Zweifel ließ: "Die Möglichkeit jedes Schweins, sich in einem Kastenstand hinzulegen und in Seitenlage die Gliedmaßen auszustrecken, muss jederzeit ungehindert gegeben sein", urteilte es. Ziemlich genau so steht es schließlich auch in der Verordnung. Bisher.

Den Agrarministern der Länder liegt nun der Entwurf für eine Neuregelung aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium vor. Er soll die Zeit im Kastenstand auf 13 Tage begrenzen, auch sollen die Gitter-Separees für größere Sauen etwas größer werden - allerdings nicht so groß, dass sie ihre Beine ausstrecken können. Stattdessen soll der neuralgische Satz, der genau dies verlangt, aus der Verordnung verschwinden. "Die deutlich kürzere Zeit im Kastenstand bringt das Plus an Tierschutz", heißt es im Ministerium. In dieser Zeit aber bleibt es eng für die Sau.

Tierschützer sehen darin eine Fortsetzung der Quälerei. "Da wird höchstrichterliche Rechtsprechung gezielt unterlaufen", sagt die Münchner Tierärztin Christina Höbel, die für den Deutschen Tierschutzbund arbeitet. "Der Kastenstand muss weg." Viele der grünen Landwirtschaftsminister in den Ländern sehen das ähnlich. Die derzeitigen Haltungsbedingungen seien "nicht zukunftsfähig und rechtmäßig", sagt der schleswig-holsteinische Agrarminister Jan Philipp Albrecht (Grüne). Mit der geplanten Novelle drohe nun nur weitere Rechtsunsicherheit.

Der Streit ist bezeichnend für das Dilemma der Landwirtschaft, denn die Standards geraten unter Druck. Zunehmend würden Ferkel importiert, während Sauenhalter hierzulande aufgäben, warnt der Bauernverband. "Die neuen Vorgaben werden dieses Problem noch verschärfen", sagt Generalsekretär Bernhard Krüsken, "so was kommt von so was".

Doch selbst unabhängige Experten sehen die Tage des Kastenstandes gezählt. "Diese Art Einzelhaltung hat keine Zukunft", sagt Bernhard Feller von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Er berät Schweinehalter. Besser sei es, Sauen in Gruppen zu halten und nur noch dann zu fixieren, wenn sie behandelt werden. "Das bedeutet mehr Arbeit und höhere Baukosten, aber für die Tiere wäre es die bessere Lösung", sagt Feller. Und wenn das Aufwand und Kosten nach sich ziehe, "dann muss es auch besser entlohnt werden". Es ist wie so oft in der Landwirtschaft: Verbrauchern muss es etwas wert sein, dass es der Sau gut geht.

© SZ vom 27.01.2020
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