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Thyssenkrupp:"Sterben auf Raten"

Villa Hügel, Essen

Protest an historischem Ort: Die Krupps hätten immer auch das Wohl ihrer Arbeiter beachtet, sagen die Demonstranten.

(Foto: Christian Wernicke)

Stahlarbeiter demonstrieren gegen die Fusionspläne von Thyssenkrupp - an einem symbolischen Ort.

Von Christian Wernicke, Essen

Dicke Anoraks schützen sie gegen den Wind, und gegen den Nieselregen hat Klaus Wittig seine schwarze Kappe von der IG-Metall tief über die Stirn gezogen. Mit siebzig Kollegen ist der Stahlarbeiter, zugleich Vertrauensmann im Werk in Duisburg-Hamborn, an diesem trüben Dienstagnachmittag vor die Villa Hügel gezogen. Die kleine Demonstration gegen die Pläne des Konzern-Vorstands, das Stahlgeschäft von Thyssenkrupp demnächst mit dem indischen Konzern Tata Steel zu verschmelzen, kommt träge in Gang. Erst der Weckruf eines Metallers in orangener Weste belebt den Protest: "Stahl ist. . .", ruft der Gewerkschafter, und seine Kollegen antworten laut und kurz: "Zukunft!"

"Wenn wir nichts tun, stehen irgendwann alle auf der Straße", sagt der Metaller

Genau diese Zukunft sieht der 58-jährige Wittig gefährdet. "Ein Sterben auf Raten" seien die Konzernpläne, die angekündigte Streichung von 2000 der 27 000 Arbeitsplätze sei nur der Anfang: "Wenn wir nichts tun, stehen irgendwann alle auf der Straße." Trotzig bauen sich die Metaller vor der Villa Hügel, dem Stammsitz der Krupps, für ein Foto auf. Dann marschieren sie still hinüber zum ehemaligen Gästehaus. Dort residiert die Krupp-Stiftung, präzise die "Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung", die mit 21 Prozent noch immer die meisten Anteile am Konzern hält. Gelassen zünden die Demonstranten Fackeln an, andere halten Plakate hoch, die "Das Schweigen der Villa" anprangern.

Der Besuch auf dem Hügel ist ein symbolischer Akt. Es geht gesittet zu, am Parkeingang haben die Metaller brav ihren Mitarbeiter-Ausweis gezeigt - für freien Eintritt. Hier auf dem Hügel im grünen Essener Süden herrschten von 1873 bis 1945 vier Generationen der Krupp-Dynastie. Die Stiftung, die das Erbe verwaltet, hatte im September nur knapp erklärt, man unterstütze die Fusions-Pläne von Vorstandsboss Heinrich Hiesinger.

Seither schweigen die zehn Kuratoren. Das empört die Malocher. Denn eigentlich, so sagt Wittig, "ist deren Aufgabe, den Laden zusammenzuhalten". Wittig zitiert die (eigentlich geheime) Satzung der Stiftung: Die solle eigentlich "darauf achten, dass die Einheit dieses Unternehmens möglichst gewahrt" werde. "Aber das tun die nicht!" Die Stiftung kontert auf ihrer Website mit einem Zitat des allerletzten Krupp, also von Alfried: "Vorstellungen einer falsch verstandenen Tradition dürfen uns nicht hindern, zu neuen Wegen zu finden."

Die Krupps hätten immer auch das Wohl ihrer Arbeiter beachtet, sagen die Arbeiter. Und selbst Bertold Beitz, der autokratische Manager, habe Arbeitnehmerinteressen respektiert. Wenn nicht, dann haben die Kruppianer nachgeholfen: So im Dezember 1987, als Hunderte Arbeiter den Park oberhalb des Baldeney-Sees stürmten, die mächtigen Türen der Villa aufdrückten und Beitz im holzvertäfelten Saale zum "sozialen Dialog" über die bedrohte Stahlschmelze in Duisburg-Rheinhausen zwangen. Das Werk machte dann doch dicht.

Aber Beitz (1913-2013) machte ein paar andere Konzessionen. Der Aufstand vor dreißig Jahren ist längt Legende im Pott. Drei Kollegen nicken, als Wittig warnt, heute stehe "noch viel mehr auf dem Spiel". Damals habe der Konzern die Arbeiter massenhaft mit klaren Schließungsplänen gegen sich aufgebracht, "aber heute fahren die ihre Salami-Taktik. Das schadet unserer Mobilisierung, leider".

Dabei könnten die Regeln der Montan-Mitbestimmung die Rettung bringen: Wenn, ja wenn die beiden Vertreter der Krupp-Stiftung sich gegen die Fusion mit Tata stellten und im Aufsichtsrat mit den zehn Vertretern der Arbeitnehmer votierten. Ein junger Metaller mit roter Fahne blafft: "Dann hätten wir mit zwölf zu acht gewonnen gegen den Hiesinger."

Nach einer halben Stunde ist die Aktion vorbei. Der Wachdienst hat die Polizei gerufen, die Stiftung droht mit einer Anzeige wegen Hausfriedensbruchs.

© SZ vom 22.11.2017
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