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Landtagswahl in Thüringen:40 000 Plakate für 2000 Wähler

Landtagswahl in Thüringen: Wahlplakat der MLPD

Eines von 40 000 MLPD-Wahlkampfplakaten in Thüringen.

(Foto: Cornelius Pollmer)
  • Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands hat zur Landtagswahl in Thüringen knapp 40 000 Plakate aufgehängt - deutlich mehr als etwa die CDU.
  • Die Wahlwerbung nutzte die MLPD zum großen Teil auch schon bei den zurückliegenden Europa- und auch Bundestagswahlen.
  • Knapp 2000 Wähler in dem Bundesland gaben der Partei damals ihre Stimme.

Was verbindet Bodo Ramelow, Mike Mohring, Björn Höcke und Wladimir Iljitsch Lenin? Für alle vier beginnt jetzt der Wahlkampfendspurt in Thüringen. Wobei sich Ramelow, Mohring und Höcke, die Spitzenkandidaten von Linkspartei, CDU und AfD, noch Chancen ausrechnen, aus der Landtagswahl am Sonntag als Sieger hervorzugehen. Im Fall von Lenin wird daraus eher nichts, was auch dem Umstand geschuldet ist, dass er seit gut 95 Jahren einbalsamiert in einem Mausoleum ruht. Gleichwohl ist sein schnurrbärtiges Gesicht derzeit an den plakatierten Laternenmasten von Erfurt, Eisenach, Gotha oder Weimar erstaunlich präsent. Lenin ist neben Karl Marx so etwas wie der ewige Spitzenkandidat der MLPD, einer Partei, die ihre Wahlkampfzugpferde bereits im Namen trägt.

Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands hat nach eigenen Angaben etwa 40 000 Wahlkampfplakate in Thüringen aufgehängt. Bei Linkspartei und AfD sind es laut den Parteizentralen zwischen 50 000 und 60 000, die CDU ist mit gut 13 000 Plakaten präsent. Es ist nicht ganz falsch, wenn die MLPD-Bundesgeschäftsstelle auf Anfrage mitteilen lässt, man spiele im thüringischen Wahlkampf in einer Liga mit "den sogenannten Großen".

Wahr ist aber auch: Abgesehen vom Verfassungsschutz scheinen die meisten Deutsche gar nicht zu wissen, dass es diese Partei überhaupt noch gibt. An den Urnen hatte die 1982 gegründete MLPD zuletzt alle Mühe, überhaupt bei den sogenannte Kleinen mitzuhalten. Bei der Europawahl 2019 erhielt sie deutschlandweit 18 342 Stimmen, das sind 0,0 Prozent. Den Freistaat Thüringen, wo im Mai gut 2000 Menschen (0,2 Prozent) ihr Kreuzchen bei Marx und Lenin machten, muss man da schon fast als MLPD-Hochburg bezeichnen. Und obschon Ministerpräsident Ramelow dort nun mit Slogans wie "Kapitalismuskritik - Das Original" direkt angegriffen wird, gibt man sich bei den Linken von der linksextremen Materialschlacht unbeeindruckt: "Für eine Promillepartei interessieren wir uns ehrlich gesagt null."

Absurd finden sie es allerdings schon, dass nun 40 000 MLDP-Plakate für etwa 2000 Sympathisanten in der Landschaft hängen. Nach der Wahl könnte theoretisch jeder von ihnen an die zwanzig Motive mit nach Hause nehmen. Und so ähnlich ist es offenbar auch gedacht. Die MLPD betreibt nämlich ein bundesweit wohl einzigartiges Kampagnen-Recycling. Etwa 80 Prozent der Plakate, die derzeit Thüringen schmücken, hat sie bei den vergangenen Bundestags- und Europawahlen schon einmal eingesetzt. "Wir schreddern das nicht jedes Mal so wie die anderen", heißt es aus der Parteizentrale. Das habe einerseits ökologische Gründe, schließlich sorgen sich inzwischen auch die Kommunisten um den Thüringer Wald. Andererseits verweist die MLPD auf ihr "klares und zeitloses Parteiprogramm", sie müsse deshalb ihre Losungen nicht jedes Mal neu erfinden. Und das leuchtet ja tatsächlich ein: Lenin ist im Jahr 2019 ungefähr genau so brandaktuell wie er es 2017 war.

Erstaunlich ist, dass kaum eine andere Partei regelmäßig so viel Geld von privaten Einzelspendern erhält. Ein pensionierter Bergmann aus Moers leitete gar eine Erbschaft von 2,5 Millionen Euro direkt an die MLPD weiter. Der aktuelle Wahlkampf in Thüringen werde aber komplett über Minispenden zwischen ein und 50 Euro finanziert, versichert die Geschäftsführung. Da wolle man sich nicht von den großen Finanziers abhängig machen. Überhaupt sei das alles nur durch das Recycling-Prinzip zu bezahlen.

Kommende Woche werden also wieder ehrenamtliche Proletarier ausscheren, um allerlei Lenins und Marxe fein säuberlich abzuhängen und zur Wiederverwertung aufzubewahren. Und nur jene Parolen, die wirklich nicht mehr lesbar sind, landen dann in der Wertstofftonne der Geschichte.

Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag wurde aus rechtlichen Gründen geändert.

© SZ vom 24.10.2019
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