Thüringischer Bürgermeister:In den Schlagzeilen

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Thüringischer Bürgermeister: Gleich kracht die Kamera zu Boden: Bürgermeister Thomas Weigelt geht auf einen Journalisten der "Ostthüringer Zeitung" los.

Gleich kracht die Kamera zu Boden: Bürgermeister Thomas Weigelt geht auf einen Journalisten der "Ostthüringer Zeitung" los.

(Foto: Screenshot twitter/@pnandsoknews/otz)

Der Bürgermeister der Kleinstadt Bad Lobenstein attackiert einen Zeitungsreporter, weil er sich "provoziert" fühlt. Es ist nicht das erste Mal, dass Thomas Weigelt in seinem Amt negativ auffällt.

Von Ulrike Nimz, Leipzig

Der jüngste Beitrag auf Thomas Weigelts Facebook-Seite stammt aus dem April und ist sehr kurz: Lediglich der Buchstabe "Q" steht da. Gut möglich, dass der Bürgermeister von Bad Lobenstein, Thüringen, sich vertippt und anschließend vergessen hat, seinen Ausrutscher zu löschen. Allerdings ist das "Q" auch Symbol der QAnon-Bewegung, die Verschwörungsmythen mit rechtsextremem Hintergrund im Netz verbreitet. Es wäre nicht das erste Mal, dass Thomas Weigelt, parteilos, mit zweifelhaften Äußerungen auf sich aufmerksam macht.

Noch immer anhören kann man sich ein Interview, das Bad Lobensteins hauptamtliches Stadtoberhaupt einem Berliner Aktivisten im Dezember 2021 gab. Darin kritisiert Weigelt die Corona-Beschränkungen. Man bewege sich in Deutschland in "schwer diktatorischen Bereichen", sagt er. Explizit erwähnt Weigelt die Berichterstattung der Ostthüringer Zeitung (OTZ), die er für "sehr, sehr fragwürdig" halte. Ganz im Gegensatz zu den Corona-Protesten in seiner Stadt: "Rechtspopulistische Äußerungen finden hier gar nicht statt", behauptet der Bürgermeister. Dann fordert er die Entlassung des Gesundheitsministers Karl Lauterbach (SPD).

Der Mann, der seit Jahren zum Bürgermeister und seinen Ansichten recherchiert, heißt Peter Hagen und ist Reporter der OTZ in Bad Lobenstein. Er berichtete, als Weigelt einer Gruppierung aus der Reichsbürgerszene das ehemalige Gemeindeamt überließ, für eine "Informationsveranstaltung". Er berichtete, als der Bürgermeister mit Blick auf die im Zuge des russischen Angriffskriegs gestiegenen Energiepreise auf Facebook eine "systematische Ausplünderung des Volkes" beklagte und der Regierung vorwarf, sie habe "ihr Volk aufgegeben und verraten". Er berichtete, als Weigelt im Amtsblatt gegen die Impfpflicht anschrieb.

Er fragte nach, als Thomas Weigelt am vergangenen Wochenende einen mutmaßlichen Reichsbürger zu einem offiziellen Empfang ins Neue Schloss einlud. Er filmte, als der Bürgermeister sich auf dem Bad Lobensteiner Marktfest im Gespräch mit dem umstrittenen Gast und einem AfD-Politiker zeigte.

Der Bürgermeister schreibt von "Fehde", er habe den Reporter nicht berührt

Auf dem Video, das ein Kollege Hagens auf Twitter teilte, ist zu sehen, wie Thomas Weigelt auf den Reporter zustürmt, in dessen Kamera greift und ihn so sehr bedrängt, dass er zu Boden geht. Bei dem Angriff, so berichtet die Zeitung später, sei Hagen am Ellenbogen verletzt und sein Equipment beschädigt worden. Der Journalist habe im Krankenhaus ambulant behandelt werden müssen. Für ein Gespräch war Hagen zunächst nicht zu erreichen.

Bad Lobensteins Bürgermeister sieht sich nun mit einer Anzeige wegen des Verdachts der Körperverletzung und der Sachbeschädigung konfrontiert. Persönlich zum Geschehen befragen lässt er sich nicht. Der Bürgermeister sei den ganzen Tag außer Haus, heißt es aus der Stadtverwaltung. Als Antwort auf E-Mails ergeht eine Stellungnahme, in der Weigelt den Angriff bestreitet, die Berichterstattung Hagens als "Provokation" bezeichnet, von einer "Fehde" zwischen Zeitungsredakteur und Bürgermeister ist die Rede. Immer wieder habe der Journalist seine "persönliche Abneigung" in die Berichterstattung einfließen lassen.

Der Bürgermeister hingegen will auf dem Marktfest lediglich abwehrend die Hände gehoben haben. "Ich habe Herrn Hagen nicht berührt", lässt Weigelt sich in dem Schreiben zitieren. "Ich gehe mit allen Menschen ruhig und freundlich um. Es ist bedauerlich, wenn diese sich nicht im Gegenzug zu benehmen wissen." Das Filmmaterial des Reporters hinterlässt bei vielen Menschen einen anderen Eindruck.

Landespolitiker fordern Weigelt zum Rücktritt auf

Bodo Ramelow (Linke) reagierte zuerst und empört. "Ein Bürgermeister greift einen Journalisten persönlich und körperlich an. So etwas geht einfach gar nicht!", twitterte Thüringens Ministerpräsident. Die inakzeptable Handlung müsse geahndet werden. Mehrere Landespolitiker sowie der Deutsche Journalistenverband haben den Bürgermeister seither zum Rücktritt aufgefordert. Auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) verurteilte den Angriff. "Angst, Einschüchterung und Gewalt dürfen nie Mittel der Auseinandersetzung sein", sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Wiederholt ist Thomas Weigelt in der Vergangenheit vorgeworfen worden, seinem Posten nicht gerecht zu werden. Weigelts Facebook-Kommentare beschäftigen derzeit die Kommunalaufsicht. Man sammle sämtliche Vorfälle und prüfe weitere Schritte, heißt es aus der Behörde. Im Juli scheiterte ein Abwahlverfahren gegen den Bürgermeister am nötigen Quorum.

Für Tino Zippel, den stellvertretenden Chefredakteur der Ostthüringer Zeitung, steht fest, dass man sich nicht einschüchtern lassen wird. "Es gibt keine Fehde mit dem Bürgermeister", sagt er. "Wenn man Lokalberichterstattung ernst nimmt, ist es völlig normal, dass man Fragen stellt, auch kritische. Und genau das werden wir weiter tun."

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