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Thüringen ohne Althaus:Ein Roboter darf nicht mehr

Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus zieht die Konsequenzen aus dem Wahldebakel und tritt zurück. Das hätte er schon vor einem halben Jahr tun sollen - er hat den Zeitpunkt für einen Abschied in Würde verpasst.

Thorsten Denkler, Berlin

Die Erklärung ist kurz, ohne Emotion: "Mit sofortiger Wirkung trete ich als Ministerpräsident des Freistaats Thüringen und als Landesvorsitzender der CDU Thüringen zurück."

Gibt auf: Dieter Althaus; Reuters

Gibt auf: Dieter Althaus

(Foto: Foto: Reuters)

Der Schritt war überfällig. Nicht erst seit der verheerenden Wahlniederlage, die er vergangenen Sonntag für seine CDU in Thüringen eingefahren hat. Er hätte sich gar nicht mehr zur Wahl stellen dürfen.

Etwas mehr als ein halbes Jahr ist es her, als Dieter Althaus einen Skiunfall verursachte und dabei eine Frau ums Leben kam. Seither bestimmt dieses Ereignis sein politisches Handeln. Er glaubte, den Menschen in seinem Land sei wichtiger, dass er gesundheitlich auf der Höhe ist, als die Frage, wie er mit der Schuld umgeht.

Althaus ist der Schuldfrage immer ausgewichen. Er hat auf die Aktenlage verwiesen, wonach er wohl Schuld trage an dem Unfall, sich aber an nichts erinnern könne.

Getriebener der Vergangenheit

Er blieb als vorbestrafter Ministerpräsident im Amt, als ein Mann, der fahrlässig den Tod eines Menschen verursacht hat. Hätte der tiefgläubige Christ sich mit diese Frage tatsächlich ernsthaft auseinandergesetzt, er wäre wie jeder andere zu dem Schluss gekommen, dass nur der Rückzug von allen Ämtern der für ihn und für das Land richtige Schritt sein kann.

Dieter Althaus machte weiter. Der begeisterte Hobby-Sportler, der das Wohlwollen der prinzipiell misstrauischen Kanzlerin Angela Merkel genießt, blieb im Amt und glaubte an die eigene politische Rekonvaleszenz.

Jetzt haben die Wähler ihm seine Grenze aufgezeigt. Wobei der Mann aus Thüringen wohl auch weitergemacht hätte, wenn er nicht auch noch den Rückhalt seiner eigenen Leute verloren hätte. Am Tag nach der Wahl präsentierte sich Althaus noch beängstigend unerschütterlich in der Überzeugung, es sei nun seine erste Aufgabe, die CDU - als nach wie vor stärkste Kraft des Landes - und ganz Thüringen zu führen.

Das war sein letzter Fehler im Amt. Er war Getriebener in den vergangenen 48 Stunden. Viele seiner Parteifreunde haben mit offenem Visier seinen Rücktritt eingefordert. Nur wenige gingen konkret auf den Unfall ein, aber alle beklagten seinen roboterhaften Umgang mit den Menschen.

Derart frontale Kritik passiert in der Regel nur, wenn alle Versuche zuvor vergeblich waren, ihn im Einvernehmen zum Rückzug zu bewegen.

Althaus ist gescheitert. Mit seiner Politik, mit seinem Führungsstil, mit seiner Unfähigkeit, Schuld anzuerkennen. Wäre er nach dem Unfall zurückgetreten, es wäre ein Abschied in Würde geworden.

Jetzt scheint es, als musste einer erst mit Schimpf und Schande vom Hof getrieben werden. Er hat viel getan für die CDU in Thüringen. Aber machmal zählt nicht der erste, sondern der letzte Eindruck.

© sueddeutsche.de/jja

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