Thüringen Nachbarn sollen 17-jährigen Flüchtling zum Suizid aufgefordert haben

  • Ein 17-jähriger Flüchtling aus Somalia ist am Freitagnachmittag aus dem Fenster einer Wohngruppe gesprungen und dabei gestorben.
  • Nachbarn sollen ihn zuvor mit Rufen wie "Spring doch!" dazu aufgefordert haben - die Thüringer Landespolizei hat dafür bislang jedoch keine Beweise.
  • Der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow und die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt zeigten sich erschüttert über den Vorfall.

In der thüringischen Stadt Schmölln haben Anwohner einen jugendlichen Flüchtling offenbar zum Suizid aufgefordert. Der 17-jährige Somalier sprang am Freitagnachmittag aus dem Fenster eines Wohnhauses und erlag wenig später seinen Verletzungen. Mitarbeiter der Flüchtlingsunterkunft berichteten, dass Anwohner "Spring doch!" gerufen hätten.

Zuvor hatten Mitarbeiter der Wohngruppe die Polizei alarmiert, weil der junge Flüchtling in der Unterkunft randalierte. Die Polizei traf ein, als der Jugendliche auf dem Fensterbrett saß, konnte den Sprung aber nicht verhindern. Im Polizeibericht ist von den Rufen der Anwohner nichts zu lesen. "Wir haben dort keine Person brüllen hören oder ähnliches", sagte ein Sprecher der Thüringer Landespolizei. Auch sei es zu keinem besonderen Auflauf an Schaulustigen gekommen. Allerdings seien in dem Plattenbau, sehr viele Balkone und natürlich immer Menschen, die irgendetwas rufen könnten. Er könne deshalb nicht definitiv ausschließen, dass tatsächlich Rufe gefallen seien.

David Hirsch, der Geschäftsführer der Betreuungseinrichtung, in der der Junge gewohnt hatte, bestätigte der SZ, dass Mitarbeiter die Rufe zweifelsfrei gehört hätten. Dies werde auch in einem nichtöffentlichen Bericht an das zuständige Landesjugendamt übermittelt. In der Wohngruppe für unbegleitete Minderjährige sind elf weitere Flüchtlinge im Alter von 15 bis 18 Jahren untergebracht. Mit der Nachbarschaft habe es bis dato keine größeren Probleme gegeben, berichtet Hirsch, nur immer wieder "Kommentare von einigen Unverbesserlichen".

Göring-Eckardt: "Menschenverachtend, dazu aufzurufen"

Bürgermeister Sven Schrade zeigte sich entsetzt und sagte zur SZ: "Sollten sich die Aufrufe bewahrheiten, dann ist das aufs Schärfste zu verurteilen." Später erklärte er gegenüber dem MDR: "Uns liegen auch Informationen vor, dass einige, ich nenne sie mal Schaulustige, diesem Vorfall lange beigewohnt haben, und wohl auch Rufe gefallen sein sollen wie 'Spring doch'." So etwas könne man nur verurteilen.

Der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow hat mit Entsetzen auf Berichte über den Suizid des minderjährigen Flüchtlings reagiert. "Diese Gier nach spektakulärem Geschehen lässt die Humanität auf der Strecke", schrieb der Politiker auf Twitter. "Es lässt einen fassungslos zurück!"

Auch die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, zeigte sich erschüttert über den Todessprung: "Es ist menschenverachtend, dazu aufzurufen." Es sei unfassbar, wie Verzweifelten und Schutzsuchenden in diesen Zeiten Hass und Verachtung entgegenschlage.

Anmerkung der Redaktion: Wegen der wissenschaftlich belegten Nachahmerquote nach Selbsttötungen haben wir uns entschieden, in der Regel nicht über Suizide oder Suizidversuche zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Dann gestalten wir die Berichterstattung bewusst zurückhaltend und verzichten, wo es möglich ist, auf Details. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.