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Thüringen: Martin Debes: Demokratie unter Schock. Wie die AfD einen Ministerpräsidenten wählte. Klartext-Verlag, Essen 2021. 248 Seiten, 18,95 Euro.

Martin Debes: Demokratie unter Schock. Wie die AfD einen Ministerpräsidenten wählte. Klartext-Verlag, Essen 2021. 248 Seiten, 18,95 Euro.

Im Februar 2020 blickte die Republik erschüttert nach Erfurt. Doch die Wahl von Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten war kein Erdbeben. Der Reporter Martin Debes hat daraus einen echten Politthriller gemacht.

Von Ulrike Nimz

Für die Wahl Thomas Kemmerichs mit Hilfe der AfD sind viele Metaphern bemüht worden, zumeist aus dem Bereich Naturkatastrophen: Beben, Sturm, Tsunami. Ein unvorhergesehenes Ereignis aber, ein unverschuldetes gar, war der 5. Februar 2020 nicht. Das zeigt Martin Debes eindrucksvoll in seinem Buch, das mehr ist als die gewissenhafte Rekonstruktion eines Tabubruchs. Es ist das Porträt eines Landes, in dem nicht nur Mehrheiten verloren gegangen sind, sondern auch politische Gewissheiten. In dem persönliche Fehden Legislaturen überdauern, Solitäre auf Mitläufer treffen. Wäre dies ein Netflix-Politthriller, er verdiente mindestens fünf Staffeln.

Debes, langjähriger Reporter der Thüringer Allgemeinen, nimmt sich Zeit, die Akteure einzuführen. Da ist der ehrgeizige CDU-Aufsteiger Mike Mohring, der nichts anderes kennt als die Politik, der nichts anderes will als an die Spitze. Ein Ausnahmetalent, skrupellos, von Argwohn zerfressen. Da ist der Linke Bodo Ramelow, Pragmatiker, Choleriker, Christ - und manchmal zu sehr von sich überzeugt. Da ist der Demagoge und AfD-Chef Björn Höcke.

Von "Schlafwandlern" ist die Rede

Debes gelingt es nicht nur, Faktenordnung in das Chaos von Erfurt zu bringen, er macht die Motivation der Handelnden transparent, benennt unbequeme Wahrheiten: Dass es die heutigen CDU-Spitzen Mario Voigt und Christian Hirte waren, die Kemmerich nahelegten zu kandidieren. Wie Mohring versuchte, die Wahl des FDP-Mannes intern zu verhindern, und später ankündigte mitzuregieren. Wenn Thomas Kemmerich behauptet, er sei da lediglich in etwas hineingeraten, dann hält Debes dem ein unveröffentlichtes Radiointerview entgegen. Darin bildet der Chef einer Fünf-Prozent-Partei in Gedanken schon mal sein Kabinett. Einen Tag vor der Wahl.

Schlafwandler nennt der Autor das politische Personal Thüringens, weil alle Beteiligten unbeirrbar, aber ohne Weitsicht in die Abstimmung taumeln. Die Assoziation mit Christopher Clarks Genese des Ersten Weltkrieges drängt sich auf, aber Debes ist vorsichtig mit historischen Vergleichen, widersteht der Versuchung, zu überhöhen oder zu moralisieren. Selbst in der Beschreibung größten Dilettantismus bleibt er so sachlich, wie es sich für einen Berichterstatter gehört. Die Lakonie ist eine Stärke des Buches, die andere sind die Details, die nicht nur Politik-Nerds freuen werden. Debes weiß, wer wann wem SMS geschickt hat in den langen Nächten vor und nach der Wahl. Dass Ramelow Mohring einen Schutzengel schenkte, als dieser mit dem Krebs rang. Dass es schon 2009 eine Ministerpräsidentinnenwahl im Land gab, die fast schiefging, und zehn Jahre offenbar nicht reichen, um klüger zu werden.

"Demokratie unter Schock" zeigt den Wert kontinuierlicher Politikbeobachtung, zeugt von leidenschaftlichem Lokaljournalismus. Am Ende steht die Erkenntnis: Die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen war vielleicht ein Fanal, zuallererst jedoch ein großes Déjà-vu.

Martin Debes: Demokratie unter Schock. Wie die AfD einen Ministerpräsidenten wählte. Klartext-Verlag, Essen 2021. 248 Seiten, 18,95 Euro.

© SZ vom 09.08.2021
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