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Streit in der SPD:Thierse überlegt, ob er Sozialdemokrat bleiben will

Wolfgang Thierse, SPD, aufgenommen im Rahmen eines Interviews. Berlin, 24.09.2020. Berlin Deutschland *** Wolfgang Thier

Wolfgang Thierse spricht während eines Interviews in Berlin.

(Foto: Ronny Hartmann/Photothek/imago images)

Wolfgang Thierse, früherer Bundestagspräsident, hat die SPD mitgeprägt. Manchen Identitätslinken in der Partei ist er nun zu rechts und zu gestrig.

Von Kurt Kister

Wolfgang Thierse ist eine Symbolfigur. Niemand anders in der SPD spiegelt den schwierigen Weg ostdeutscher Sozialdemokraten in der stets und immer noch westdeutsch dominierten Traditionspartei so sehr und durchaus prominent wider wie Thierse. Er ist im guten Sinne des Wortes ein Moralist, in fast jedem Sinne ein Rechthaber, aber auch einer jener Menschen, ohne die die Politik, ja die Demokratie ärmer wären. Und Wolfgang Thierse zählt zu jenen Engagierten, die den Partikularisten in der eigenen Partei immer "zu sehr" waren: Vielen Schröder-Sozialdemokraten war er zu sehr linksgefühliges Gedöns; etlichen West-Hinterzimmer-Pragmatikern war er zu ostbärtig; den Säkularisten war er zu katholisch - und nun ist er den Identitätslinken in der SPD zu rechts und zu gestrig.

Er will wissen: Bin ich noch erwünscht?

In einem internen Schreiben haben die Parteichefin Saskia Esken und ihr Vize Kevin Kühnert kundgetan, sie schämten sich wegen des "rückwärtsgewandten Bildes der SPD", das manche SPD-Mitglieder zeichneten. Zwar nannten die beiden keine Namen, aber der politische Zusammenhang ist klar: Thierse sowie Gesine Schwan, 2004 und 2009 zweimal Kandidatin der SPD für die Bundespräsidentschaft, hatten sich kurz zuvor kritisch über auch linke Identitätspolitik, Cancel Culture und den Kulturkampf ganz generell geäußert. Wie das auf diesem Gefechtsfeld so ist, blieben heftige gegenseitige Belehrungen und Ad-personam-Attacken im Netz nicht aus. Esken und Kühnert - so sind die halt - reagierten auf ihre Weise darauf; jetzt will Thierse - so ist er eben - von Esken wissen, ob sie seinen weiteren Verbleib in der Partei überhaupt noch wünsche.

Thierse, Jahrgang 1943, verbrachte die erste Hälfte seines Lebens in der DDR. Er ist Germanist und Kulturwissenschaftler; 1976 verlor er die Anstellung im DDR-Kulturministerium, weil er die Ausbürgerung des Sängers und Dichters Wolf Biermann nicht gutheißen wollte. Über das Neue Forum gelangte er 1990 zu den Sozialdemokraten; im Juni '90 wurde er der Vorsitzende der kurzlebigen neuen DDR-SPD. Nach deren Vereinigung mit der West-SPD wurde Thierse im September 1990 zu einem der stellvertretenden Vorsitzenden gewählt, er blieb es bis Ende 2005. Anderthalb Jahrzehnte an der Spitze der SPD sind eine lange Zeit, fast eine Ära. Von 1990 bis 2013 war Thierse zuerst Volkskammer-, dann Bundestagsabgeordneter; von 1998 bis 2005 war er auch noch Präsident des Bundestags. Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man sagt, dass Wolfgang Thierse die SPD der Nachwende-Zeit mitgeprägt hat, und eigentlich auch die Republik.

Selbstzweifel sind ihm keineswegs fremd

Für das Gute in der Welt - ein großer Ironiker war Thierse übrigens nie - ist er in viele Organisationen, Gremien und Initiativen eingetreten. Bei den Katholiken hat er, auch als Mitglied ihres Zentralkomitees, gegen den Zölibat und für Reformen geredet, er hat sich für Folteropfer, Kulturförderung und Holocaust-Überlebende eingesetzt. Als er Bundestagspräsident war, hat man ihm manchmal, und nicht nur von Seiten der Union, den Vorwurf gemacht, er führe sein Amt nicht immer ohne Rücksicht auf seine eigenen politischen und moralischen Überzeugungen. Mit den Begrifflichkeiten von heute würde man wohl sagen, Wolfgang Thierse sei ein Bundestagspräsident mit Haltung gewesen.

Unbequem war er oft, auch für viele in seinen eigenen sozialdemokratischen Reihen. Wer mit ihm debattiert, trifft auf einen überzeugten Menschen, der nicht dazu neigt, um des lieben Friedens willen nichts zu sagen oder nachzugeben. Selbstzweifel sind ihm keineswegs fremd. Er wird gerne grundsätzlich, auch weil er gebildet und belesen ist, und außerdem Übung hat in jener Durchdringungsmoral, auf die man in laienkirchlichen Kreisen oder weltlichen Überzeugungsinitiativen stößt. Wolfgang Thierse nervt manchmal, aber wer sich seiner schämt, der oder die weiß wirklich nicht, wie wichtig Leute wie Thierse für das Gemeinwesen sind.

© SZ
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