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Großbritannien:Die bleierne Lady

Theresa May hat gekämpft, doch der Brexit-Deal ist tot. Nun sollte sie gehen und ihre Partei, die maßgeblich zu ihrem Scheitern beigetragen hat, sich selbst überlassen.

Eigentlich wäre der Mittwoch der Tag gewesen, an dem Theresa May ihre Handtasche und ihren geliebten blauen Wollmantel hätte nehmen und aus Downing Street hätte ausziehen müssen. Freiwillig, erhobenen Hauptes, durch die Vordertür.

Sie hätte den wartenden Journalisten vor Number 10 sagen können, sie habe getan, was sie konnte. Aber eine unverantwortliche Allianz aus Abgeordneten aller Fraktionen und daher, ja, auch ihrer eigenen, habe einen konstruktiven Ausgang des Brexit-Experiments verhindert. Dann hätte sie zu Philip, ihrem Mann, nach Maidenhead fahren und sagen können: Darling, du hast gesagt, ich soll durchhalten - aber es geht nicht mehr.

Stattdessen versuchte May am Mittwochmittag, im Unterhaus erneut einen Deal zu verkaufen, den sie in ihrer Rede am Dienstagnachmittag als new deal bezeichnet hatte. Wissend, dass dieser Deal tot war, tot ist und tot bleibt.

Die britischen Medien schrieben einen Tag nach dem letzten Versuch, den EU-Austrittsvertrag und sie selbst über die Ziellinie zu retten, vor allem zweierlei: Fraglich sei nicht, ob die mittlerweile vierte Abstimmung diesmal erfolgreich sein könne, das sei ausgeschlossen.

Man kann May vieles vorwerfen, nicht aber, sie habe nicht gekämpft

Fraglich sei vielmehr, ob May angesichts der schrillen Empörung, die ihr entgegenschlägt, den Deal tatsächlich noch einmal im Unterhaus einbringe. Und sie schrieben: May sei ein Anti-Midas. Anders als der phrygische König in der griechischen Mythologie, der alles, was er anfasste, in Gold verwandelte, werde alles, was May anfasse, zu Blei.

May hatte am Dienstag eine Art Best-of aus all den Vorschlägen und Wünschen präsentiert, welche die Abgeordneten in den vergangenen Monaten im epischen Streit um die Umsetzung des Brexit vorgetragen hatten. Sie hatte getan, was alle immer von ihr verlangten: zugehört, und übernommen. Sie hatte eine versöhnliche Rede gehalten, die sich an Brexiteers und Remainer zugleich richtete, hatte versprochen, dass sie nun auf beide Seiten zugehe.

Jetzt heißt es: zu spät - und nicht genug. Sie könne die vielen Fehler nicht ungeschehen machen. Die Brexiteers in der Tory-Partei toben, weil May, wenngleich nur unter bestimmten Bedingungen und nach einem grundsätzlichen Ja zu ihrem Deal, eine Zollunion und ein zweites Referendum in Aussicht gestellt hat. Die Remainer toben, weil May immer noch Bedingungen stellt für dieses zweite Referendum, und weil sie eine zeitlich befristete Zollunion bewirbt, die das Abkommen aber de facto ohnehin vorsieht.

Aber das alles sind Schaufensterkämpfe. Ohnehin ist fraglich, ob dieses Abkommen, dieser Brexit, angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Parlament, den unterschiedlichen Strömungen bei Tories und Labour und den zwei verfeindeten Lagern im Land jemals eine Chance auf Umsetzung hatte. Man kann May viel vorwerfen, nicht aber, dass sie nicht gekämpft habe. Nun muss sie gehen und ihre Partei, die maßgeblich zu ihrem Scheitern beigetragen hat, sich selbst überlassen.

Das Schlimme ist, dass auch das Land sich selbst überlassen ist. Es hat schon lange keine funktionierende Regierung mehr. Und vielleicht demnächst einen Mann wie Boris Johnson als Premier. In absehbarer Zeit dürfte es nun Neuwahlen geben. Sie werden den Brexit nicht retten. Aber sie würden den Briten endlich wieder ein Mitspracherecht geben in dieser großen Misere.

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