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Theodor Fontane:Eine Entdeckung

Der 1819 geborene Dichter schilderte eine Welt im Umbruch. Die Spannungen dieser Welt hat er ausgehalten und gestaltet. Heute ist sein Werk Ansporn, sich Wahrheiten in Paradoxen zu nähern.

Vor 25 Jahren wurde Theodor Fontane eine wichtige Stimme der Berliner Republik. Tausende entdeckten mit seinen Reisefeuilletons die preußische Geschichtslandschaft der Mark Brandenburg neu, fuhren, die "Wanderungen" unterm Arm, zu den bescheidenen Herrenhäusern und verwunschenen Dorfkirchen. "Die Birnen von Ribbeck" hieß die schöne Erzählung von Friedrich Christian Delius, in der sich Ost und West bestaunten, anfremdelten. Günter Grass stellte den Aktenboten "Fonty" ins Zentrum des Deutschlandromans "Ein weites Feld". Wer in die neue Hauptstadt zog, erfuhr aus Fontanes Romanen, wie es in Berlin zwischen Tiergartenvillen und Kleine-Leute-Gegenden zugegangen war, nachdem die Reichseinigung von 1871 die Deutschen überrascht hatte. Man näherte sich mit diesem Autor versunkenen Welten.

Heute tritt eine andere Seite an seinem Werk hervor. Man liest den Chronisten einer Umbruchzeit. Der Lyriker, Journalist, Theaterkritiker, Romancier, Briefeschreiber schilderte ein "Jahrhundert in Bewegung", so der Untertitel der interessantesten Biografie im Jahr seines 200. Geburtstags, des Buches von Iwan-Michelangelo D'Aprile. Fontanes Frauen sowie seine Arbeitstechniken und Darstellungsverfahren wirken überraschend modern. In diesem Eindruck verbirgt sich die Einsicht, dass die Vorfahren nicht so zurückgeblieben waren, wie man glaubt, und man selber längst nicht so fortgeschritten ist, wie man sich einredet. Der Kampf zwischen Alt und Neu war ein Lebensthema Fontanes. Man liest ihn heute mit Vergnügen, weil er diese Spannung ausgehalten und gestaltet hat.

Er habe das "Gesicht eines friedlichen pensionierten Offiziers aus den dreißiger Jahren", schrieb der Kritiker Alfred Kerr 1895, als Fontane ein Fürsprecher der literarischen Avantgarde war. "Ein Hauch der guten alten Zeit" schwebe über ihm, aber die "unmoderne Persönlichkeit" hatte "unglaublich moderne Ansichten". Doch verführten diese Fontane nicht dazu, das Hergebrachte kurzweg für überwunden zu erklären. Noch in seinen letzten Lebensmonaten schrieb er: "Ich bin für Alte-Fritz-Verherrlichung. Aber damit hört es auch auf. Alles andre - großes Fragezeichen!".

Fontane nahm 1848 an der Revolution teil und wechselte bald die politische Richtung. Seine prägende Erfahrung war, dass alte Überzeugungen zur Welt der Gegenwart nicht mehr passten, der Lauf der Zeit Jugendideale überholte. Er war neugierig auf das Neue, verabscheute aber das Bourgeoise und wenn der Fortschritt als Phrase daherkam, wandte er sich von ihm ab.

Fontane schilderte eine Welt im Umbruch - diese Spannung hat er ausgehalten und gestaltet

Er war - trotz "Effi Briest" und "Mathilde Möhring" - kein Frauenrechtler und trotz mancher "Ritte ins Bebelsche" kein Sozialdemokrat, erkannte aber die Berechtigung anderer Standpunkte an, ohne über die Helden seiner Jugend - preußische Offiziere und Napoleons Marschälle - den Stab zu brechen. Daraus gewinnen die Gespräche in seinen Romanen - Kammerkonzerte der Konversationskunst - ihre Kraft. Sie haben, anders als oft behauptet, wenig Verplaudertes und gar nichts Pläsierliches. In ihnen kommen die großen Gegensätze der Zeit zu Wort. Fontane schildert Liebe, Heirat, Ehe in einer Welt im Umbruch mit klarem Blick für Unausweichliches, Überforderung, das Flüchtige glücklicher Augenblicke. Oft haben beide Seiten recht und unrecht zugleich: Effi und Innstetten, Armgard und Melusine, die lebenstüchtige Mathilde Möhring und ihr antriebsschwacher Gatte.

Fontane war ein Vielschreiber und zugleich ein außergewöhnlich skrupulöser Autor. Große Aufmerksamkeit schenkte er den Nebendingen. Aber es geht mit ihnen wie mit seinem See Stechlin, der Verbindungen nach Island und Java unterhält und aus dem, wenn's dort brodelt, ein Wasserstrahl aufsteigt. Und das ist nur das Alltägliche, geschieht etwas Großes, steigt "ein roter Hahn auf und kräht laut in die Lande hinein". Sein künstlerisches Gewissen untersagte Fontane das Laute und Krähende, umso deutlicher zeigte er das Brodeln, Sprudeln, den Wellenschlag des Alltäglichen. Auch seine Interieurs und Fassaden, Bilder und Nippesfiguren stehen gleichsam im Telegrammverkehr mit der weiten Welt draußen, mit Vergangenheit und Zukunft. Und Telegramme können, wie es im "Stechlin" heißt, auch eintreffen, bevor das, was sie melden, geschehen ist. So gesehen war er alles andere als ein Kleinmaler märkischer Spezialwelten oder Berliner Wohnungen. Sie waren der Spiegel, in dem er Gesellschaft mit ihren Widersprüchen und Unwahrscheinlichkeiten darstellte. So ist bei Fontane oft mehr Wirklichkeit, Leben, Wahrheit zu finden als in ehrgeizigen Zeitpanoramen.

"Unanfechtbare Wahrheiten" gebe es nicht, glaubt Dubslav von Stechlin, "und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig". Ein Ansporn, Wahrheiten zu suchen, sich ihnen in Paradoxen zu nähern. In den Paradoxen steckte der Zerfall der Gewissheiten durch Industrialisierung, Reichseinigung und Elektrifizierung. Heute schwinden wieder Gewissheiten. Fontane kann jetzt neu entdeckt werden.