Thailand:Mit Gummi-Enten gegen die Wasserwerfer

Pro-democracy rally in Bangkok

Lächelnder Schutzschild: Wenn die Polizei mit dem Wasserwerfer kommt, muss sie solche aufblasbaren Gummitiere aus dem Weg schießen.

(Foto: Athit Perawongmetha/REUTERS)

Die protestierende Jugend stellt die Staatsmacht in Thailand mit Gummi-Enten bloß. Doch selbst innerhalb von Familien ist Kritik am Königshaus tabu.

Von Arne Perras

Quietschgelbe Gummi-Enten, federleicht und aufblasbar. Damit planschen gewöhnlich Kinder im Pool. Nun sah man dieser Tage auf Bildern und Videos, wie Demonstranten zahlreiche Exemplare durch die Straßen von Bangkok trugen. Die protestierende Jugend hat eine neue Rolle für die Gummi-Ente in Übergröße definiert. Das Spielzeug dient jetzt als Knautschzone und Schutzschild für alle, die versuchen, den Wasserwerfern der Polizei zu trotzen.

Die Gummi-Ente ist nun ein leuchtendes Symbol der Protestbewegung, die den König und das regierende Militär in Thailand herausfordert. Sie erzeugt knallige, teils drollig wirkende Bilder, die in sozialen Netzwerken geteilt werden. Die Ironie ist gewollt, die Choreografie folgt einem Plan. Denn die Spielzeugtiere führen eine hochgerüstete Polizeitruppe vor, die mit Wasserwerfern und Tränengas aufmarschiert, um - ja, genau - Gummi-Enten aus dem Weg zu schießen. So entstehen Schlaglichter des Absurden, die den Staat der Lächerlichkeit preisgeben sollen.

Mitten unter Enten ist auch Ruchapong Chamjirachaikul mitmarschiert, Student der Internationalen Beziehungen, 22 Jahre alt. Der SZ erzählt er am Telefon, wie ihn das Tränengas beim letzten Protest erwischte. Von Freunden ließ er sich die Augen auswaschen, und dann machte er wieder weiter. "Es war ein friedlicher Protest", sagt er. Und aufhören sei keine Option, solange sich das Militär, die Eliten und der König politisch kein Stück bewegten. Am Mittwoch soll es weitere Massendemonstrationen geben.

Das Einzige, was die beiden gegnerischen Lager eint, ist ihre Unversöhnlichkeit

Thailand: Das Symbol des Protests: Ein Demonstrant in Bangkok.

Das Symbol des Protests: Ein Demonstrant in Bangkok.

(Foto: Sakchai Lalit/AP)

"Auf uns wird jetzt schon scharf geschossen", sagt Ruchapong, womit er auf Vorfälle der vorigen Woche anspielt, als mindestens sechs Menschen mit Schusswunden von Notärzten behandelt wurden. Wer die Kugeln abfeuerte, ist ungewiss. Die Polizei will es nicht gewesen sein, die Protestbewegung verdächtigt sogenannte Gelbhemden; Demonstranten, die für den König auf die Straße gehen. "Die Polizei begrüßt diese Leute, während sie auf uns mit Wasserwerfern und Tränengas feuert", sagt der Student, das lasse keine Fairness erkennen.

Lächelnde Gummitiere, knallharte Fronten: Das Einzige, was die beiden gegnerischen Lager eint, ist ihre Unversöhnlichkeit. "Es gibt keinen Kompromiss", sagt Ruchapong, das Land stecke in einer Sackgasse, Bewegung könnte nur entstehen durch Zugeständnisse, aber die zeichnen sich nicht ab.

Je länger die Konfrontation anhält, umso mehr verhärten sich die Fronten. Das Militär beansprucht die Rolle der Königswächter, was sie mit dem Schutz der Nation gleichsetzen. Die Jugend wiederum reklamierte für sich wiederholt, "das Volk" zu repräsentieren - dabei ist bisher nicht erkennbar, wo die schweigende Masse Thailands in diesem Streit eigentlich steht. Das ist kein Wunder, zumal das Thema des Königtums so lange tabu war und Demonstranten erst im Sommer wagten, offen zu fordern, dass die Monarchie reformiert werden müsse. Tamara Loos, Historikerin an der Cornell University in den USA, nennt das eine "revolutionäre kulturelle Verschiebung", die mit friedlichen Mitteln vorangetrieben werde.

Rama X. versucht, verlorene Sympathien gutzumachen und Volksnähe zu zeigen

Die Gräben ziehen sich bis in die Familien, das erlebt Student Ruchapong jeden Tag. Sein Vater, sagt der Student, sei ein überzeugter Royalist, ihm gefalle gar nicht, was der Sohn da mache, aber er hindert ihn auch nicht daran. Gespräche über das heikle Thema meiden die beiden. Seine Mutter habe vor allem König Bhumibol gemocht, was einer allgemeinen Stimmungslage entspricht. Dessen Sohn und Nachfolger, Rama X., versucht nun, verlorene Sympathien gutzumachen und Volksnähe zu zeigen. Da fährt Seine Majestät zur Einweihung einer neuen Linie auch mal U-Bahn, natürlich nicht ohne goldenes Polster auf dem Sitz, wie die vom Palast verbreiteten Bilder zeigen.

Seit Anfang Oktober ist Maha Vajiralongkorn zurück in Thailand, er hat das Alpenvorland verlassen, wo er sonst sehr gerne weilt. Die Krise verlangt seine Präsenz in Bangkok, und es sieht nicht danach aus, als ließe sie sich schnell entschärfen. Im Gegenteil.

Die Protestbewegung, die eine Reform der Monarchie und demokratische Rechte einfordert, ist jung, kreativ, entschlossen. In der Mehrheit sind die Demonstranten Schüler aus höheren Klassen und junge Studenten. Dass sie aufbegehren, liegt auch daran, dass sie in den Jahren nach dem Putsch groß geworden sind. Das waren prägende Jahre seit 2014, im negativen Sinn, viele empfanden sie als lähmend, ein Hindernis für ihre Zukunft.

Dann kamen 2019 die Wahlen, die Jugend scharte sich hinter der "Future Forward"-Partei, mit dem smarten Politik-Novizen Thanathorn Juangroongruangkit an der Spitze. Er gab Hoffnung, er schnitt gut ab. Dann aber wurde die Partei im Februar verboten. Aus der Traum. Das war der Moment, als viele sagten: So geht es nicht mehr weiter.

"Wie wollt ihr das später mal euren Kindern erklären?"

Seither brechen die Fronten auf, und je länger die Konfrontation anhält, umso schwieriger dürfte es werden, Brücken zu schlagen. Wasserwerfer und Tränengas haben Folgen, sie schüren Wut, "das ist Gewalt gegen friedliche Demonstranten", sagt Ruchapong. "Wenn sie so weitermachen, werden die Positionen der Jugend nur radikaler", glaubt der Student. Beim letzten Protest hörte er, wie ein Demonstrant den Polizisten entgegenbrüllte: "Wie wollt ihr das später mal euren Kindern erklären?"

Was die Thailänder in Hongkong beobachtet haben, dient vielen als Inspiration, auch wenn China die Proteste niederdrückt. Es gehe um Widerstand gegen autokratische Systeme, sagen Studenten in Bangkok. In den Diskussionen tauchen nun aber auch Stimmen auf, die ihre Monarchie gar nicht mehr modernisieren, sondern schon abschaffen wollen. Frühere Anhänger von Reformen wandeln sich - zumindest gedanklich - schon zu Revolutionären; nur dass niemand genau weiß, wie viel Rückhalt radikalere Positionen haben.

Umgekehrt glauben manche Ultrakonservative, dass Leute in psychiatrische Behandlung gehörten, wenn sie den Glauben an ihren König verlieren. Dazu passt, was der Oberbefehlshaber der Armee Apirat Kongsompong vor Kadetten schon im August beklagt hatte. Thailand kämpfe jetzt mit einer Krankheit, die noch gefährlicher sei als Covid-19. "Wir können Leute nicht heilen, die ihre Nation hassen", erklärte der General.

© SZ/toz
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