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Terrorverdächtiger vor Gericht:Abdeslam nutzt den Prozess für Propaganda

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Schwer bewacht von Maskierten: der Angeklagte Salah Abdeslam.

(Foto: Emmanuel Dunand/AFP)
  • In Brüssel beginnt der Prozess gegen Salah Abdeslam, den einzigen überlebenden Verdächtigen der Terrorattacken von Paris im November 2015.
  • Der Hauptangeklagte schweigt zur Sache und nutzt die Bühne doch für islamistische Propaganda.
  • Sein Komplize dagegen antwortet auf die Fragen der Richterin.

Redet er? Das war die Frage vor dem Brüsseler Prozess gegen Salah Abdeslam, den einzigen überlebenden Verdächtigen der Pariser Anschläge vom 13. November 2015, die wertvollste Trophäe der Justiz. Zwar geht es am Montag nur um die Verletzungen, die Polizisten erlitten, als sie Abdeslam und zwei Komplizen in Brüssel festnahmen.

Aber wie sich der Mann aus Brüssel-Molenbeek bei seinem ersten öffentlichen Auftritt präsentiert, wird erkennen lassen, ob er endlich zu einer Zusammenarbeit mit der Justiz bereit ist. Und vielleicht auch, welche Strategie er wählen wird, wenn später über die Pariser Attacken verhandelt wird, bei denen 130 Menschen starben, sowie über jene vom 22. März 2016 in Brüssel, die 32 Opfer forderten.

Lange Haare statt Gelfrisur, ein Vollbart statt eines Flaums: In der Haft hat sich Abdeslam verändert

Maskierte Elite-Polizisten führen den Angeklagten in den Saal im schwer bewachten Justizpalast. Der 28-Jährige sitzt in der ersten Reihe. Er hat sich verändert. Schulterlange Locken statt der kurzen Gelfrisur von früher, ein schwarzer Vollbart, wo ein paar Flusen waren. Film- und Fotoaufnahmen hat er sich verbeten, und nur einen winzigen Augenblick sehen ihn die 80 Leute im Saal und die über Video zugeschalteten Journalisten von vorn. So ist kaum zu erkennen, ob ihm noch dieser forsche Blick eines drogenaffinen Tunichtguts anhaftet, der auf Bildern von Überwachungskameras so provozierend wirkte. Wohl kaum. Er könne sich leider nicht erheben, sagt er, "ich bin müde".

Ansonsten sagt er: nichts. Zumindest nichts zur Sache. Dieses Schweigen indes begründet er ausführlich, auf eine Weise, die einiges mitteilt über seinen Gemütszustand. Man habe ihn her zitiert, deshalb sei er hier. "Aber ich schweige, das ist mein Recht. Mein Schweigen macht mich weder zum Schuldigen noch zum Verbrecher." Man möge sich an die vorliegenden "wissenschaftlichen Beweise" halten und nicht dem Druck der Medien nachgeben. Als Angehöriger seiner Religion sei er längst verurteilt: "Muslime werden auf die schlimmste Weise behandelt, gnadenlos, ohne Unschuldsvermutung." Es folgt ein Glaubensbekenntnis: "Ich habe keine Angst vor euch und euren Verbündeten. Ich setze mein Vertrauen in Allah, das ist alles."

Salah Abdeslam "Anwalt der Schurken"
Paris-Attentat

"Anwalt der Schurken"

Erst verweigert er die Auslieferung des mutmaßlichen Paris-Attentäters, dann will er den französischen Staatsanwalt anzeigen: Sven Mary hat keine Scheu vor Konflikten - und eine Menge Erfahrung mit kontroversen Fällen.

Ein Propaganda-Auftritt, wie geschaffen zur Heldenverehrung auf dschihadistischen Websites. Aber wie viel Kalkül steckt dahinter? Hat Abdeslam es mit seinem Anwalt Sven Mary so abgesprochen? Der belgische Starverteidiger hatte das Mandat erst kurz vor Prozessbeginn angenommen, unter der Bedingung, dass Abdeslam mit der Justiz kooperiere. Was dieser nun nicht tut. Vielleicht spielt Mary aber ein doppeltes Spiel, er gilt als außerordentlich gewitzt und hat, als er es kommunikationstaktisch für geboten hielt, Abdeslam einmal die Intelligenz eines "leeren Aschenbechers" attestiert.

Warum also schweigt der Angeklagte? Als Erklärungen kursieren: Er habe sich wahnsinnig geärgert, dass ein französischer Untersuchungsrichter seine ersten Verhör-Aussagen im April 2016 sofort in einer Pressekonferenz verkündete. Und er leide unter den extremen Haftbedingungen in Europas größtem Gefängnis bei Paris: völlig isoliert, rund um die Uhr bewacht von Infrarot-Kameras und Wächtern, anfänglich sogar ohne Möglichkeit, aus dem Fenster zu schauen. Abdeslam sei ein schamhafter Typ, zitierten französische Medien aus Justizkreisen, und aus Wut über die Dauerbeobachtung möglicherweise leicht verrückt geworden.

Immerhin, sein mutmaßlicher Komplize und Fluchthelfer Sofien Ayari redet. Der 24 Jahre alte Tunesier war einer der drei Islamisten, die sich in jenem Appartement in der Rue du Dries im Brüsseler Stadtteil Forest aufgehalten hatten, das Fahnder am 18. März 2016 untersuchen wollten. Mohamed Belkaid schoss auf die Beamten und starb durch einen Scharfschützen. Ayari und Abdeslam flohen durch ein Fenster, kletterten eine Mauer hoch in eine andere, bewohnte Wohnung, wo sie eine Kalaschnikow, ein Halstuch und Kaugummi hinterließen und entkamen, bevor die Gegend abgeriegelt wurde. So zumindest stellt die Staatsanwaltschaft den Tathergang dar und fordert 20 Jahre Haft wegen Mordversuchs im Zusammenhang mit Terror. Beide seien in diesem Fall eindeutig Mittäter.

Ayari beantwortet die präzisen Fragen von Richterin Marie-France Keutgen, erweist sich aber als glitschiger Angeklagter mit hoch selektiver Aussagebereitschaft. Seine Verteidigungslinie wirkt grotesk: Er habe unbedingt zurück nach Syrien zum Islamischen Staat gewollt und geglaubt, das Brüsseler Terrornetz würde ihm dabei helfen. Eigentlich sei er völlig nutzlos gewesen für die Bande. Warum er in der Wohnung war, will er nicht begründen. Und geschossen habe allein Belkaid.

Ein Toter, ein schweigender und ein erkennbar schwindelnder Angeklagter: Der Brüsseler Justiz wird es nicht leicht fallen, die Taten nachzuweisen.

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