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Terrorverdächtiger in Chemnitz:Auf der Spur des Bombenbauers

Auf größte Gefahr eingestellt: Schwerbewaffnete Polizisten vor dem Wohnhaus in Chemnitz, in dem der Verdächtige lebte.

(Foto: Jens-Ulrich Koch/afp)
  • Die Spezialkräfte der Polizei haben in der Wohnung eines syrischen Flüchtlings in Chemnitz Chemikalien und Sprengstoff gefunden.
  • Der 22-Jährige Verdächtige soll einen Anschlag auf einen sächsischen Verkehrsknotenpunkt geplant haben.
  • Er soll über das Internet Kontakt mit dem Islamischen Staat gehabt haben.

Von Georg Mascolo und Ronen Steinke

Direkt unter den Augen der Spezialkräfte der sächsischen Polizei ist am Samstagmorgen zunächst ein Mann entwischt, der im Verdacht steht, einen Terroranschlag vorbereitet zu haben. Im Stillen hatten sich die Beamten bei Tagesanbruch dem Chemnitzer Plattenbau genähert, in dem der 22-jährige Syrer Dschaber A. sich aufhielt. In dem Moment kam er aus der Tür. Um 7.04 Uhr gab ein Beamter einen Warnschuss ab, so hat es das Landeskriminalamt notiert. Und der Gesuchte, der eine Rucksack trug, begann zu rennen.

Warum er gerade in diesem Moment herauskam und bis zu seiner Festnahme in der Nacht zum Montag der Polizei entkommen konnte, ist noch ungeklärt. Die Sorge war groß, dass er womöglich Sprengstoff bei sich trug - oder sogar bereits eine Bombe gebaut hatte.

Oft sind Terrorhinweise falscher Alarm

Hinweise auf geplante Terroranschläge gibt es mittlerweile oft. Ob sie ernst zu nehmen sind oder nicht, messen die Sicherheitsbehörden in Deutschland vor allem daran, ob Waffen oder Sprengstoff gefunden werden. Viele Tipps, die entweder von ausländischen Geheimdiensten oder inzwischen auch aus der Bevölkerung, von den Betreibern von Flüchtlingsheimen oder aus eigenen Ermittlungen von Polizei und Verfassungsschutz stammen, erweisen sich als falscher Alarm.

Am Samstagmorgen ist das anders gewesen. Nur Stunden vor der Polizeiaktion im Chemnitzer Fritz-Heckert-Wohngebiet ist im Gemeinsamen Terrorismus-Abwehrzentrum (GTAZ) in Berlin eine Runde zusammengetroffen, um den Verdachtsfall, der dort bereits seit Wochen bearbeitet wurde, zu besprechen. In ersten Hinweisen ging es um einen Anschlag auf sächsische Verkehrsknotenpunkte, vom Raum Leipzig und Chemnitz war die Rede, früh war der Fall als "ernsthaft" eingestuft worden.

Am Freitag erhärteten sich Hinweise, dass bereits Chemikalien für den Bombenbau eingekauft worden seien. Das Bundesamt für Verfassungsschutz und der Bundesnachrichtendienst, von dem die Informationen stammten, votierten für den Zugriff. Das GTAZ informierte die sächsischen Behörden. Das Risiko schien zu hoch zu sein, niemand wollte länger warten.

Material zum Bombenbau gefunden

Als die Spezialkräfte in Chemnitz die Wohnungstür aufsprengten, waren die Räume leer, auch der eigentliche Mieter der Wohnung, ebenfalls ein Syrer, war nicht da. Stattdessen fanden die Ermittler eine regelrechte Bombenwerkstatt, etwa 500 Gramm eines Sprengstoff-Laborats, höchstwahrscheinlich TATP, eines weißen Pulvers, mit dem schon al-Qaida experimentierte und das auch bei den Anschlägen in Paris und Brüssel benutzt wurde. Daneben entdeckten sie etwa ein Kilo weitere Chemikalien, die sich als Zutaten dafür eignen. Zudem fanden sich Zünder. Weil die Ermittler bei den Chemikalien auch die zugehörige Verpackung fanden, hoffen sie, dass der Täter keine noch größere Menge Sprengmaterial hergestellt hat.

Der Wohnungsinhaber wurde inzwischen festgenommen, gegen ihn wird wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat ermittelt. Weil es Hinweise darauf gab, dass auch ein "großer Berliner Flughafen" das Ziel eines Anschlags werden könnte, wurden in Tegel und Schönefeld die Sicherheitsvorkehrungen verschärft.

Kontakt zum Islamischen Staat

Das ganze Wochenende über berieten Staatsschützer aus Bund und Ländern in Telefonkonferenzen über den Fall. Deutschland gehört inzwischen, was die bloße Häufigkeit angeht, zu den am meisten von islamistischen Anschlägen betroffenen Ländern in Westeuropa, die Statistik zählt vier vollendete Anschläge. Noch öfter berichtet die Polizei von mutmaßlichen Plänen, die man vereitelt habe. Zuletzt wurde deshalb drei mutmaßliche Anhänger der Terrormiliz (IS) in Schleswig-Holstein verhaftet sowie ein 16-Jähriger in Köln.

Über den 22-jährigen Dschaber A. nun geben die Behörden nur zögerlich Informationen heraus. Er soll über das Internet mit IS-Kreisen in Verbindung gestanden haben. Am 18. Februar wurde er in Deutschland registriert, im Juni als Flüchtling anerkannt - ein für die Behörden besonders heikler Punkt.

Schon bei den Anschlägen in Würzburg und Ansbach waren Flüchtlinge die Täter. Auch wenn Dschihadisten nur eine verschwindend geringe Anzahl unter ihnen ausmachen, bereitet dies den Behörden besondere Probleme. In der aufgeheizten Stimmung im Land könnte es zu einer Art Generalverdacht gegen Flüchtlinge kommen. Eine solche Stimmung ist eines der Ziele, die vor allem der IS mit seinen Anschlägen zu erreichen versucht.

Das aktuelle Lexikon: TATP

Wie so viele Sprengstoffe machte auch TATP initial selbst auf sich aufmerksam. Es war aber der deutsche Chemiker Richard Wolffenstein, der den Knall von Triacetontriperoxid 1895 als Erster erfasste: Er hatte Aceton und Wasserstoffperoxid, zwei Allerweltschemikalien, zusammen an der TH Berlin gelagert, als diese zu TATP reagierten und in die Luft flogen. Diese beachtliche Sprengkraft, die etwa 80 Prozent von TNT erreicht, müsse sich doch technisch nutzen lassen, dachte Wolffenstein. Doch die neue Substanz erwies sich als zu gefährlich, weil sie schon beim kleinsten Schlag explodiert. So wurde TATP vergessen - bis es 1980 mit verstörendem Knall auf sich aufmerksam machte, als die PLO es bei einem Anschlag in Hebron einsetzte. Seither nutzen Terroristen häufig TATP, das sie "Mutter des Satans" nennen: 2004 bei den Madrider Zuganschlägen ebenso wie 2005 in der Londoner U-Bahn sowie jüngst in Brüssel und Paris. Auch in einer Wohnung in Chemnitz soll TATP nun gefunden worden sein. Terroristen mögen den Stoff, weil seine Komponenten in jeder Drogerie zu erwerben sind, sich ohne großes Know-how verbinden lassen und zudem von Sprengstoffdetektoren, die auf Nitroverbindungen spezialisiert sind, nicht erkannt werden. TATP reagiert aber nicht nur extrem leicht auf Stöße, sondern auch auf Reibung und Wärme. Wer damit hantiert, riskiert immer auch sein eigenes Leben. Christina Berndt

IS-Instrukteure geben im Chat Anweisungen

Manche IS-Verdächtige wurden nach den bisherigen Erkenntnissen gezielt nach Deutschland geschickt, sie nutzten Flüchtlingsrouten, um hierher zu gelangen. Andere radikalisierten sich offenbar erst hier und wurden von IS-Instrukteuren im Internet regelrecht zur Tat angeleitet und gedrängt - bis hin zum Bombenbau. Aus inzwischen sichergestellten Chat-Protokollen der Täter von Ansbach und Würzburg wissen die Ermittler, dass die IS-Instrukteure zu Taten mit möglichst vielen Opfern drängten.

Als Schläfer eingeschleust oder erst hier radikalisiert - in welche Kategorie der Chemnitzer Fall gehört, ist bisher unklar. Inzwischen unterstützt die Tatortgruppe des Bundeskriminalamtes die Ermittlungen in Chemnitz. Der äußerst instabile Sprengstoff, der bereits bei einem Schlag, Wärme oder Reibung zur Explosion neigt, wurde in eigens ausgehobenen Löchern in der Plattenbau-Siedlung gesprengt. Niemand traute sich, ihn über eine längere Strecke zu transportieren.

© SZ vom 10.10.2016/lkr

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