Rechtsextremismus:"Susl mit den Zauberhänden"

Susanne G. wird steht wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat in München vor Gericht.

Seit Ende April stand Susanne G. vor dem Oberlandesgericht München - der Vorwurf gegen sie: Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.

(Foto: Frank Hoermann/imago images/Sven Simon)

Im Terrorprozess gegen eine fränkische Heilpraktikerin fordert die Nebenklage die Vernehmung der im NSU-Prozess verurteilten Rechtsextremisten Wohlleben und Eminger. Die Angeklagte bricht zusammen.

Von Annette Ramelsberger

34 Briefe hat allein der Rechtsradikale Ralf Wohlleben an seine fränkische Freundin Susanne G. geschrieben. 13 Briefe waren es von André Eminger. Es war eine innige Brieffreundschaft, die sich da in den vergangenen Jahren zwischen den im NSU-Prozess verurteilten Rechtsextremisten und der rechtsradikalen Heilpraktikerin Susanne G. entwickelt hat. Als Eminger am Tag des Urteils im NSU-Prozess aus der Haft entlassen wurde, stand Susanne G. vor der JVA Stadelheim und holte ihn ab.

Nun sitzt die 55-Jährige selbst in Stadelheim, dort, im unterirdischen Hochsicherheitsgerichtssaal, wird ihr der Prozess gemacht: Sie soll an zwei Kommunalpolitiker, einen Moschee- und einen Flüchtlingsverein Briefe und zum Teil auch scharfe Patronen geschickt und ihnen mit dem Tod gedroht haben. Die Polizei nahm sie fest, kurz bevor sie einen Anschlag begehen wollte - so sieht das der Generalbundesanwalt. Die nötigen Bestandteile für einen Brandanschlag fanden die Ermittler in ihrem Auto. Und in ihrem Haus entdeckten sie neben Hakenkreuzfahne und Baseballschläger die Briefe von Wohlleben und Eminger, auf ihrem Handy hatte sie Fotos von gemeinsamen Grillpartys und Geburtstagsfeiern gespeichert: Susanne G., Familie Wohlleben und Familie Eminger fröhlich vereint.

Die Ermittler hielten die Briefe für eher privat

So sehr sich die Ermittler mühten, die Drohschreiben und die Vorbereitungen zu dem möglichen Brandanschlag aufzuklären - die Verbindungen zu den Verurteilten aus dem NSU-Prozess interessierten sie offenbar nicht sehr. Niemand hat Wohlleben und Eminger dazu befragt. Die Briefe seien eher privater Natur, hieß es. Das sieht der Nürnberger Anwalt Maximilian Bär, der einen der bedrohten Kommunalpolitiker vertritt, anders. Und er zitiert aus dem Briefverkehr zwischen "Susl", so nannten ihre Freunde sie, und den NSU-Vertrauten.

Mal geht es darum, dass Wohlleben gewählte Volksvertreter als "Gauner" bezeichnet, mal darum, dass er schreien möchte, wenn die evangelische Kirche sich offen dafür zeigt, auch einen muslimischen Feiertag einzuführen. Eminger wünscht Susanne G. "viel Erfolg" bei einer Demo in Chemnitz. Und Wohlleben lädt Susanne G. in seine "Heimstätte" ein. Sie solle seiner Frau und den Töchtern nur sagen, sie sei "die Susl mit den Zauberhänden".

Mit diesen Händen hat Susanne G. jahrelang die Fußballmannschaft ihres fränkischen Heimatortes massiert, mit diesen Händen aber soll sie auch scharfe Patronen in Glückwunschkarten gesteckt und einen Anschlag vorbereitet haben. Rechtsanwalt Bär findet, die Briefe zeigten ein derart "persönliches Näheverhältnis", dass es wahrscheinlich sei, dass Susanne G. ihren NSU-Freunden möglicherweise ihre Anschlagspläne anvertraut habe. Nebenklage-Kollege Harald Straßner ergänzt, im Navigationsgerät von Susanne G.s Wagen seien auch die Privatadressen von Wohlleben und Eminger gespeichert gewesen.

Die beiden Nebenklagevertreter fordern, Wohlleben und Eminger vor Gericht zu befragen. Susanne G.s Verteidigerin Nicole Schneiders widerspricht. Das sei nur eine Befragung "ins Blaue hinein", und außerdem gäbe es dann eine Interessenkollision: Sie und ihr Kollege Wolfram Nahrath seien nicht nur die Verteidiger von Susanne G., sondern immer auch noch die Verteidiger von Ralf Wohlleben.

An diesem Tag wird auch einer der Söhne von Susanne G. als Zeuge gehört, er schildert sie als "liebevolle Mutter", zu ihrer politischen Einstellung sagt er nichts. Beim Rausgehen winkt er ihr lächelnd zu. Als die Leiterin der Frauenabteilung im Nürnberger Gefängnis aussagt, beginnt Susanne G. schwer zu atmen. Die Beamtin berichtet, dass einmal die Maske von Susanne G. verrutscht sei, dass sie deshalb hätte in Quarantäne gehen sollen. Und dass sie sich geweigert und ihre Zelle verbarrikadiert habe. Die Angeklagte sei dann zu Boden gebracht und entkleidet, ihre Kleidung dazu aufgeschnitten worden. Es hört sich martialisch an. Sehr viel weiter kommt die Zeugin nicht. Susanne G. beginnt zu schluchzen. Sie krümmt sich. Ihre Anwältin Schneiders hält sie im Arm. Sie ruft dem Richter zu: "Sie hat ein Trauma davon." Die Verhandlung wird unterbrochen.

© SZ/mcs
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