Terrormiliz Der IS ist verdrängt, aber am Leben

Ein IS-Anhänger 2014 im syrischen Raqqa, der früheren Hochburg der Terrormiliz

(Foto: REUTERS)
  • Die IS-Terrormiliz reklamiert seit August fast 2000 Operationen auf der ganzen Welt für sich, etwa 30 Prozent davon sollen in Syrien gewesen sein.
  • Einer UN-Expertengruppe zufolge gibt es in Syrien und im Irak noch Zehntausende IS-Kämpfer.
  • Der von Präsident Trump angekündigte Rückzug der US-Truppen dürfte für sie ein Hoffnungsschimmer sein.
Von Dunja Ramadan

Eine halbe Stunde, bevor US-Präsident Donald Trump verkündete, man habe die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien besiegt, bekannten sich die Dschihadisten auf ihrem Sprachrohr Amaq zu einem Autobombenanschlag in ihrer einstigen Hochburg im syrischen Raqqa. Ein kurdischer Kämpfer war dabei getötet worden und mehrere Menschen verletzt.

Allein in der ersten Dezemberwoche reklamierte der IS in Syrien nach eigenen Angaben zwölf Attacken für sich. Seit August veröffentlicht die Terrormiliz wöchentlich ein Video mit dem Titel "die Ernte der Soldaten", jedes Opfer wird in einer Statistik aufgelistet - nach Ethnie, Tötungsart und Ort. Bis Mitte Dezember reklamierte die Terrormiliz fast 2000 Operationen auf der ganzen Welt für sich. Fast die Hälfte sollen im Irak, rund 30 Prozent davon in Syrien gewesen sein.

Noch vor wenigen Monaten veröffentlichte eine Expertengruppe der Vereinten Nationen einen Bericht über die Lage der Terrormiliz in Syrien und dem Irak. Trotz militärischer Erfolge sollen dort noch etwa 20 000 bis 30 000 Kämpfer der Terrororganisation leben, gleichmäßig auf beide Nachbarländer verteilt.

Für die verbliebenen IS-Kämpfer dürfte der Rückzug der amerikanischen Truppen ein Hoffnungsschimmer sein. Den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF), bislang wichtigster Partner der US-Streitkräfte im Kampf gegen den IS, war es vor wenigen Tagen immerhin gelungen, die letzte IS-Bastion Hadschin in Ostsyrien einzunehmen.

Doch immer noch kontrolliert der IS Dörfer wie al-Susah und al-Schaafa an der irakischen Grenze sowie Teile der weitläufigen Badija-Wüste. Auch kampferprobte ausländische Milizionäre sollen sich dort noch befinden. Wird die US-Unterstützung aus der Luft in Zukunft ausbleiben, wäre das eine Schwächung des kurdisch-arabischen Bündnisses und könnte es den Dschihadisten ermöglichen, ihren Kontrollbereich wieder auszuweiten.

Die Terrormiliz scheint sich neu zu gruppieren

2003 waren Vorläufer des IS als "al-Qaida im Irak" erstmals in Erscheinung getreten; als die Amerikaner ihre Soldaten 2011 aus dem Irak zurückzogen, ging das Pentagon nur noch von rund 700 Kämpfern aus. Nur drei Jahre später rief IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi von Mossul aus das Kalifat aus und konnte eine Fläche so groß wie Großbritannien erobern.

Noch vor einem Jahr verkündete der ehemalige irakische Premier Haider al-Abadi den Sieg über die Terrormiliz. Nun warnt die kurdische Armee vor einem Wiedererstarken des IS. Zwar hat der IS 99 Prozent seines ehemaligen Territoriums verloren, doch seitdem führt die Terrormiliz einen Guerillakrieg im Land - vor allem im Norden und Osten des Iraks sind immer noch IS-Zellen aktiv. Die Terrormiliz soll sich derzeit neu gruppieren und von politischen Konflikten in Bagdad profitieren. Auch mehr als ein halbes Jahr nach den Wahlen ist die Regierung noch nicht arbeitsfähig.

Laut dem UN-Bericht halten sich zudem im Bürgerkriegsland Libyen noch 3000 bis 4000 IS-Kämpfer auf, in Afghanistan sei eine Expansion der Terrormiliz zu verzeichnen, dort zählt die Gruppe bislang 3500 bis 4500 Kämpfer. Und auch in Südostasien und Westafrika habe der IS viele Unterstützer. Im Jemen zählt der IS demnach einige Hundert Kämpfer.