Süddeutsche Zeitung

Terrorist Breivik:Gefangen in der Schreckenslogik

Angst erzeugt Aufmerksamkeit - nach dieser perfiden Annahme wurde Anders Behring Breivik zum Massenmörder. Die Medien sind nach der Bluttat in Norwegen im Dilemma: Spielen sie der Taktik des Terroristen in die Hände, wenn sie über die schauerlichen Details des Verbrechens und die Gedankenwelt des Täters berichten? Wir müssen heroische Gelassenheit lernen.

Wörtlich übersetzt, heißt Terror nicht Gewalt oder willkürliche Brutalität. Terror ist Latein und heißt Schrecken. Anders Behring Breivik ist ein Terrorist im reinsten Wortsinne.

Anders Behring Breivik verbreitet Schrecken. Beide Worte sind wichtig: Schrecken und Verbreitung. Er hat im idyllischen Norwegen binnen Stunden mehr als 90 Menschen getötet, vermutlich im Alleingang, so viel scheint nach tagelangen Ermittlungen festzustehen, und er hatte dabei vor allem ein Kalkül: Je mehr Tote, je größer die Verheerung, desto größer die Aufmerksamkeit für sich und seine Ansichten.

Letztere hat er in einem kruden Manifest niedergelegt, einer zusammenkopierten und -phantasierten Melange aus Rechtsextremismen, Islamhetze, rassistischen Ansichten und Ausflüssen radikalpopulistischer Strömungen, die kaum auf einen Begriff zu bringen, aber leider nicht ungewöhnlich sind im Europa dieser Tage.

Bisher fanden derlei Gedanken vor allem verbal ihren Ausdruck, in Untiefen einiger Internetforen und Agitatorenzirkel, die auch Breivik schätzte. Nur gelegentlich wurden Rudimente davon nach oben in die breitere Öffentlichkeit gespült, man mag an die Sarrazin-Debatte in Deutschland oder den Wilders-Triumph in den Niederlanden denken - wobei ein solcher Vergleich immer hinken muss.

Breivik bringt nun durch die Verbreitung schieren Schreckens diese Gedankenwelt voller Feindbilder und Verschwörungstheorien, in der irgendwie alles und nichts zueinander zu passen scheint, in unser Bewusstsein. Er hat seine Bluttat genau deshalb so brutal und brachial vollzogen wie ein Kampfroboter, weil er kalkulierte, was in den Tagen danach passieren würde: Sein groteskes Manifest wird von Tausenden gelesen, sein Gerichtsauftritt - da er überlebt hat - wird global gecovert, seine wohlüberlegten Bilder mit Schönlingsfrisur, Uniform oder Waffe werden um die Welt gehen. Er lässt die Menschheit erschaudern, und darauf zielte er ab. Er spielt mit uns, mit der Öffentlichkeit, ein perfides Spiel.

Propaganda für einen Pseudoideologen?

Angst erzeugt Aufmerksamkeit. Deutsche Medien titeln wegen einiger Passagen im Manifest über die Kanzlerin: "Hatte der Killer auch Merkel im Visier?", und auch sueddeutsche.de zeigte eine Fotostrecke mit mehreren gruselerregenden Aufnahmen des Massenmörders. Ist das angemessen? Betreibt man hier nicht, worauf der Attentäter zuletzt zielt: Propaganda für einen Pseudoideologen des Hasses? Macht man diesen Mann nicht größer als er ist?

Es wird oft geschrieben und gesagt nach solchen Ereignissen, aber wegzuschauen, wesentliche Informationen wegzulassen, ist keine Option. Journalisten müssen berichten, was passiert ist, was in Norwegen nun mit dem mutmaßlichen Täter geschieht, auch, was dieser Mann denkt und wie er sich präsentiert. Aber noch mehr müssen sie jetzt hinter die Inszenierung blicken und erklären, fragen und Antworten geben. Wie funktioniert die islamkritische Szene, in der sich Breivik zu Hause fühlte? Wie gefährlich ist, was dort und in anderen Zirkeln an absurden Thesen verbreitet wird - auch in Deutschland, in Europa? Können Sicherheitsdienste aus diesem Massaker Lehren ziehen, und müssen wir über Themen wie die Angst vor dem Islam und dem Fremden künftig anders debattieren?

Die Aufgabe ist, Breiviks Inszenierung zu brechen und die wirre Rationalität hinter der Tat zu dekodieren. Den ganzen Schrecken der Tat mit immer neuen schauerlichen Darstellungen und Details zu zelebrieren, eine Art Antiheldenkult zu begehen, ist dagegen die Marktrationalität der Massenmedien - wie die des Terroristen. Vor 16 Jahren hat David Fincher in dem grandiosen Film Sieben die Geschichte eines fiktiven Massenmörders erzählt, der am Ende einer brutal inszenierten Mordserie mit dem Bekenntnis aufwartet, damit die Leute aufmerksam würden, dürfe man ihnen "nicht nur auf die Schulter klopfen". Man müsse ihnen mit dem Vorschlaghammer auf den Kopf schlagen.

Dies ist die Logik des Anders Behring Breivik, nach allem, was man von ihm weiß. Sie zu durchbrechen ist es, was die Welt seinen Opfern schuldet. Die richtige Reaktion auf Terror ist für jene, die dem Verbrechen fern sind und es nur medial vermittelt bekommen, "heroische Gelassenheit", wie es der Berliner Gesellschaftsforscher Herfried Münkler genannt hat. Gemeint ist: die Logik der Furcht zu durchbrechen, indem man sich nicht von Grausamkeiten zu Irrationalitäten verleiten lässt.

Norwegen selbst hat in den Tagen nach dem Massenmord demonstriert, wie das geht. Das Land trauerte voll Empathie um die Toten. Aber Rache zu schwören oder einen kurzen Prozess für Anders Behring Breivik zu fordern, einfach sensationelle Thesen oder viel zu schlichte Erklärungen zu suchen - das war kein Thema in diesem überwältigten Land.

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