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Terrorist Breivik:Propaganda für einen Pseudoideologen?

Angst erzeugt Aufmerksamkeit. Deutsche Medien titeln wegen einiger Passagen im Manifest über die Kanzlerin: "Hatte der Killer auch Merkel im Visier?", und auch sueddeutsche.de zeigte eine Fotostrecke mit mehreren gruselerregenden Aufnahmen des Massenmörders. Ist das angemessen? Betreibt man hier nicht, worauf der Attentäter zuletzt zielt: Propaganda für einen Pseudoideologen des Hasses? Macht man diesen Mann nicht größer als er ist?

Es wird oft geschrieben und gesagt nach solchen Ereignissen, aber wegzuschauen, wesentliche Informationen wegzulassen, ist keine Option. Journalisten müssen berichten, was passiert ist, was in Norwegen nun mit dem mutmaßlichen Täter geschieht, auch, was dieser Mann denkt und wie er sich präsentiert. Aber noch mehr müssen sie jetzt hinter die Inszenierung blicken und erklären, fragen und Antworten geben. Wie funktioniert die islamkritische Szene, in der sich Breivik zu Hause fühlte? Wie gefährlich ist, was dort und in anderen Zirkeln an absurden Thesen verbreitet wird - auch in Deutschland, in Europa? Können Sicherheitsdienste aus diesem Massaker Lehren ziehen, und müssen wir über Themen wie die Angst vor dem Islam und dem Fremden künftig anders debattieren?

Die Aufgabe ist, Breiviks Inszenierung zu brechen und die wirre Rationalität hinter der Tat zu dekodieren. Den ganzen Schrecken der Tat mit immer neuen schauerlichen Darstellungen und Details zu zelebrieren, eine Art Antiheldenkult zu begehen, ist dagegen die Marktrationalität der Massenmedien - wie die des Terroristen. Vor 16 Jahren hat David Fincher in dem grandiosen Film Sieben die Geschichte eines fiktiven Massenmörders erzählt, der am Ende einer brutal inszenierten Mordserie mit dem Bekenntnis aufwartet, damit die Leute aufmerksam würden, dürfe man ihnen "nicht nur auf die Schulter klopfen". Man müsse ihnen mit dem Vorschlaghammer auf den Kopf schlagen.

Dies ist die Logik des Anders Behring Breivik, nach allem, was man von ihm weiß. Sie zu durchbrechen ist es, was die Welt seinen Opfern schuldet. Die richtige Reaktion auf Terror ist für jene, die dem Verbrechen fern sind und es nur medial vermittelt bekommen, "heroische Gelassenheit", wie es der Berliner Gesellschaftsforscher Herfried Münkler genannt hat. Gemeint ist: die Logik der Furcht zu durchbrechen, indem man sich nicht von Grausamkeiten zu Irrationalitäten verleiten lässt.

Norwegen selbst hat in den Tagen nach dem Massenmord demonstriert, wie das geht. Das Land trauerte voll Empathie um die Toten. Aber Rache zu schwören oder einen kurzen Prozess für Anders Behring Breivik zu fordern, einfach sensationelle Thesen oder viel zu schlichte Erklärungen zu suchen - das war kein Thema in diesem überwältigten Land.