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Terrorismus:Wie der IS mit den Mitteln Hollywoods entlarvt werden soll

Auch wenn zumindest in Europa die Zahlen leicht zurückgehen, so ist der Zulauf von Rekruten für den IS noch immer hoch. Keine Terrortruppe hatte jemals so viele Freiwillige. Wichtig ist deshalb eine konsequente Bekämpfung der Propaganda im Internet, die heute für die Islamisten nicht weniger wichtig ist als Bomben und Kalaschnikows. Bruce Riedel setzt daher auf eine massive Ausweitung von Soft-Power, auf eine Gegenerzählung, ja Entlarvung des IS. "Wir sind trotz allem immer noch die Hollywood-Nation. Wir wissen, wie man ein Projekt verkauft und einen Feind schlechtmacht."

In den USA ist inzwischen der ehemalige Time-Journalist Richard Stengel mit dem Entwurf von Gegen-Erzählungen beauftragt, er wurde zum Unter-Staatssekretär im US-Außenministerium berufen. Auf einer Berlin-Reise berichtete er gerade von seiner Arbeit und der Suche nach "glaubwürdigen Stimmen" aus der Region, die sich öffentlich gegen die Islamisten stellen sollen.

Auch Pläne, Dschihad-Aussteiger und desillusionierte IS-Rückkehrer über die wahren Zustände im Kalifat berichten zu lassen, gibt es schon lange. Sogar das deutsche Bundesinnenministerium arbeitete einmal an einem solchen Plan. Geschehen ist bisher praktisch nichts. Ebenso wichtig, sagt der Londoner Neumann, sei die konsequente Löschung von terroristischen Inhalten durch die großen Internet-Firmen: "Da muss noch viel mehr geschehen."

Diese auch von vielen Politikern vertretene Forderung scheint inzwischen zu einem Umdenken bei einigen Internet-Konzernen zu führen: Gerade erst kündigte ein Google-Manager bei einer Anhörung im britischen Unterhaus ein Pilotprojekt an. Künftig sollen bei der Suche nach extremistischen Inhalten automatisch Anzeigen für De-Radikalisierungsprogramme auftauchen. Sucht jemand dann mit Schlagworten wie "IS beitreten", taucht eine entsprechende Gegen-Anzeige auf.

In der idealen Islamistenwelt fürchtet der Europäer seinen türkischen Obsthändler

Neumann verweist darauf, dass die in IS-Videos akzentfrei französisch, englisch oder deutsch parlierenden Kämpfer "Produkte unserer Gesellschaft sind". Nun müsse man alles tun, um eine weitere Radikalisierung junger Muslime im Westen zu verhindern.

Der IS und al-Qaida setzen auf genau diese Strategie der Radikalisierung. Anschläge wie in Paris sollen das Misstrauen gegen die 44 Millionen in Europa lebenden Muslime schüren - in der idealen Welt der Islamisten fürchtet sich der Europäer vor seinem türkischen Obsthändler. Die zunehmende Ausgrenzung von im Westen lebenden Muslimen soll sie anfällig für radikale Ideologien machen - es geht also um die Umkehr des Integrations-Gedankens. Der IS nennt das "die Beseitigung der Grauzone". Die UN regen deshalb nationale Präventionspläne an. Das fordert auch der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch. Nicht nur mit Hilfe von Polizisten und Staatsanwälten, sondern auch mit Sozialarbeitern müsse das Phänomen bekämpft werden. Repression werde das Problem nicht lösen.

Erfolg wird dringend benötigt, aber reicht es da, schnell umzudenken? Der BND sagt, ein "Quick-Fix-Maßnahmenkatalog" sei ein "unrealistisches Ziel". Vereinzelte Stimmen fordern deshalb sogar, man müsse mit dem IS verhandeln, das habe man in der Vergangenheit auch mit anderen terroristischen Gruppen getan. Bemerkenswert ist, dass keiner der Experten eine in den Neunzigerjahren bekannt gewordene Strategie befürwortet: Sie trägt den Namen "Lasst sie verrotten!" und wurde zeitweilig erfolgreich von der algerischen Regierung gegenüber der islamistischen Gia-Gruppierung angewandt: Die von ihr besetzten Territorien wurden abgeriegelt, man ließ sie regieren und wartete darauf, dass die örtliche Bevölkerung von der Brutalität und Unfähigkeit der Terroristen genug haben würden, um sich dann mit dem Staat gegen sie zu verbünden.

Eine Aufgabe für Generationen

Ein Bündnis mit sunnitischen Stämmen gilt auch jetzt als Schlüssel zum Sieg über den IS. Aber der Staat des Kalifen ist heute schon zu groß und zu mächtig, als dass man darauf warten wollte, dass er an seinen eigenen Widersprüchen zerbricht. So ruhen alle Hoffnungen zunächst darauf, die terroristische Gefahr zurückzudrängen. Hoffman meint, ein riesiger Erfolg wäre es schon, wenn man den Zustand der Achtzigerjahre wieder erreiche, als islamistische Terrorgruppen wie al-Qaida zwar existierten, aber nicht zu großen Anschlägen in der Lage waren.

Vor allem aber mahnt Hoffman zur Geduld. Die Auseinandersetzung sei eine Aufgabe für Generationen, die Terroristen seien weder Hitler noch die Sowjetunion. Ein Erfolg sei möglich. Nur müssten die Politiker künftig der Versuchung widerstehen, alle paar Jahre die Auseinandersetzung vorzeitig für so gut wie gewonnen zu erklären, so wie 2011, nach dem Tod Bin Ladens. Die Phrase vom Licht am Ende des Tunnels stammt von amerikanischen Generälen und sollte die angeblichen Fortschritte im Vietnam-Krieg anschaulich machen.

Neumann sagt: Wir brauchen viel Geduld. Die religiöse Welle wird noch lange rollen.