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Terrorismus:Auf der Suche nach Plan B

Alle eint die Erkenntnis, dass seit 2001 zu viel schiefgelaufen ist, dass eine Überbetonung des Militärischen stattgefunden habe. Riedel sagt, man habe Milliarden für sogenannte Hard Power ausgegeben, das Ergebnis aber sei mau. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der BND, der in einer Analyse die bange Frage stellt: "Lassen sich die Dschihadisten besiegen?" und jetzt einen "Perspektiv-Wechsel" ins Spiel bringt. Der klassische Ansatz sei gescheitert, nach der herrschenden Denkweise hätten Verfolgung, Verhaftung und Tötung zu weniger Terrorismus und weniger Terroristen führen müssen. Tatsächlich aber habe der "gewaltige Ressourceneinsatz" nicht zu einer Reduzierung geführt: "Das Gegenteil ist der Fall."

Die Vordenker versuchen sich deshalb an einem neuen Entwurf. Darin finden sich seit Langem bekannte Elemente, aber auch Neues und Erstaunliches. Hoffman wie der BND vertreten Thesen, die sich in Teilen wie eine Anleitung für einen Politikwechsel des Westens lesen. Hoffman legte im vergangenen Dezember gemeinsam mit Kollegen der konservativen Denkfabrik American Enterprise eine entsprechende Skizze vor: Angesichts der Lage seien Militärschläge und sogenannte Counter-Insurgency-Aktionen richtig, aber langfristig müsse man konsequent Regierungen unterstützen, welche die Interessen ihrer Bevölkerung vertreten und nicht nur die eines Clans, einer Partei oder einer religiösen Gruppe. Good Governance also.

Man müsse "weg von der Aufmerksamkeit für autoritäre Herrscher", sagt der BND

Saudi-Arabien, Ägypten und viele andere Staaten in der Region wären damit keine verlässlichen Bündnispartner mehr. So ähnlich liest es sich in einem Fünf-Punkte-Plan (Untertitel: "Kultur des Friedens - die Anti-Terrorismus-Strategie der UN"), den die Weltgemeinschaft am Heiligen Abend des vergangenen Jahres vorlegte. Er ist mit seinen mehr als 70 Empfehlungen so etwas wie eine Langfassung des geflügelten Wortes von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, wonach Bomben einen Terroristen töten, aber nur gute Politik Terrorismus beseitigt. Das Papier kommt zwischen den Zeilen zu einem schlichten Fazit: Solange die Regime ihren Menschen nichts zu bieten haben, keine Demokratie, keine Bildung, keine wirtschaftliche Teilhabe, so lange dürfe man sich über den Zulauf zu den Dschihadisten nicht wundern.

Erstaunlicherweise schließt sich der BND in seinen Bewertungen dieser Denkweise an, er plädiert für eine Abkehr von der lange verfolgten Strategie, sich zur Bekämpfung von Terroristen die Unterstützung ortsansässiger Diktatoren zu sichern. Man müsse "weg von der Aufmerksamkeit für autoritäre Herrscher hin zur Ertüchtigung und Unterstützung arabischer Bürger".

Einig sind sich die Vor- und Querdenker auch in ihrer Analyse, dass weder ein militärischer Sieg im Irak noch ein Friedensschluss in Syrien das Problem dauerhaft beseitigen werden. Ein Kalifat ohne Land wäre ein großer Erfolg, auch der Tod oder die Verhaftung des selbsternannten Kalifen Abu Bakr el-Bagdadi, übrigens der erste Doktor der Theologie an der Spitze einer Terror-Organisation. Aber all das wäre nicht das Ende der in weiten Teilen der Region und unter vielen westlichen Muslimen heute so attraktiven Ideologie des IS. Soll heißen: Selbst wenn das Kalifat zerstört wäre, würde der Kampf weitergehen - um das Kalifat wieder zu errichten. In Libyen zum Beispiel. Und damit noch ein Stück näher an Europa als heute.