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Terrorismus:Die Spur führt von Chemnitz nach Raqqa

Die Protokolle deuten darauf hin, dass Dschaber al-Bakr wohl eine Kreditkarte der Terrormiliz IS nutzen konnte.

(Foto: Landeskriminalamt Sachsen/AFP)
  • Der Syrer, der hierzulande einen Sprengstoffanschlag geplant haben soll, stand möglicherweise in einer engeren Beziehung zur Terrorgruppe IS, als bisher vermutet.
  • Chat-Protokolle liefern eine mögliche Erklärung dafür, wie die Sicherheitsbehörden al-Bakr auf die Spur gekommen sind.
  • Die Daten deuten darauf hin, dass al-Bakr Geld vom IS erhalten haben könnte.

Von Arndt Ginzel, Sebastian Pittelkow und Nicolas Richter

Der Syrer Dschaber al-Bakr, der einen Sprengstoffanschlag in Deutschland geplant haben soll, stand womöglich in einer engeren Beziehung zur Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) als bisher vermutet. Protokolle von Internet-Chats legen nahe, dass sich al-Bakr mit Männern austauschte, die aus der syrischen Stadt Raqqa stammten oder sich dort aufhielten.

In Raqqa, das seit 2014 von der Terrorgruppe beherrscht wird, soll auch das Hauptquartier des IS liegen. Al-Bakr, der zuletzt in Chemnitz lebte und sich nach seiner Verhaftung das Leben genommen hat, tauschte sich bei Facebook vom 13. August 2016 an unter anderem mit einer Person aus, die sich "Der Unbekannte aus al-Raqqawi" nannte. Ein Übersetzer hat erklärt, der Name bedeute, dass der Mann aus Raqqa stamme. In dem Chat behauptet der Mann, er sei in oder aus der Umgebung Raqqas.

Ermittler des Bundeskriminalamts schreiben in einem Vermerk von Mitte Oktober, der Süddeutscher Zeitung, NDR und MDR vorliegt, die freiwillige Nutzung des Namenszusatzes "al-Raqqawi" lasse darauf schließen, dass sich die betreffende Person "ideologisch" mit den "derzeitig herrschenden Machtverhältnissen" in ihrer Heimat oder an ihrem aktuellen Aufenthaltsort identifiziere. Daraus folge womöglich, dass sich auch al-Bakr mit der Einstellung seiner Gesprächspartner identifiziert habe.

Die Ermittler stellen damit nicht eine zwingende Verbindung zum IS her, aber immerhin eine mögliche; es kann sein, dass al-Bakr vom IS lose gesteuert wurde. Al-Bakr und der oder die Gesprächspartner unterhalten sich etwa am 6. September, also einen Monat vor dem geplanten Anschlag, mit möglichen Code-Worten: "Ich will nur das, an das wir beide denken".

Womöglich hat al-Bakr Geld vom IS bekommen

Die Chats deuten darauf hin, dass al-Bakr Geld vom IS erhalten haben könnte. "Bruder, ich wollte dich nach der Karte fragen", schreibt einmal der Mann, den die Ermittler für al-Bakr halten. Danach fügt er hinzu: "Die Master Card". Al-Bakr hat mit der Kreditkarte, die auf den Namen Shadi A. ausgestellt war, eine ganze Reihe von Einkäufen im Internet bezahlt, etwa bei Amazon oder Online-Shops von Baumärkten - vor allem die Bestandteile der Bombe, die er später nach einer Anleitung aus dem Web fertigte. Seine letzte Bestellung gab al-Bakr am 6. Oktober um 19.04 Uhr auf: Von seiner Chemnitzer Wohnung aus bestellte er einen Rollkoffer.

Die Chat-Protokolle liefern auch eine mögliche Erklärung dafür, wie die Sicherheitsbehörden al-Bakr auf die Spur gekommen sind. In allen Gesprächen verwendete al-Bakr stets Pseudonyme. Nur einmal gibt er sich, möglicherweise aus Versehen, unter seinem echten Vornamen zu erkennen. "Ich bin es, Jabir", schreibt er. Für die amerikanischen Sicherheitsdienste soll das der entscheidende Hinweis auf den Flüchtling in Deutschland gewesen sein. Als die deutschen Behörden den Vornamen "Dschaber" mit ihrer Flüchtlingsdatenbank abglichen, fiel ihnen al-Bakr auf.

Ob Al-Bakr vom IS tatsächlich gesteuert oder nur inspiriert beziehungsweise unterstützt wurde, lässt sich anhand der Protokolle nicht genau rekonstruieren. Manches spricht dagegen, so hatte er sich erst in Deutschland Bombenbauanleitungen besorgt. Als trainierter IS-Kämpfer hätte er den Plan wohl schon im Kopf gehabt.

© SZ vom 01.12.2016/sjan

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