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Nach den Anschlägen in Brüssel:Die offene Gesellschaft ist verwundbar

Diese Orte sind nicht nur Plätze, an denen sich viele Menschen versammeln, sondern sie stehen auch für die Freiheit des Reisens, die Mobilität. Diese Freiheit wird nicht nur von den Sprengstoffgürtlern massiv bedroht, sondern sie gilt auch den Freunden der neuen Zäune sowie den Befürwortern des nationalen Rechts-Staats als suspekt.

Gewiss, Sicherheit und Freiheit stehen immer in einem Spannungsverhältnis. Und dennoch darf der Westen diese Freiheit nicht Schritt für Schritt aufgeben, um die abzuwehren, die ihn wegen der Freiheit angreifen. Die auf den Rechten des Individuums und der Menschenwürde ruhende Gesellschaft Europas hat nicht versagt, weil sie nun von Fanatikern attackiert wird. Sie würde versagen, wenn sie bei der nötigen Abwehr ihre Grundwerte in Frage stellte.

Aus der Geschichte des Terrorismus kann Europa durchaus lernen

Die offene Gesellschaft, wie sie einst Karl Popper als nun wirklich alternativlose Staats- und Lebensform gegen den Autoritarismus gestellt hat, ist verwundbar. Jenseits aller individuellen oder auch organisatorischen Fehler der Sicherheitsapparate in Belgien und anderswo werden in der EU eben keine potenziellen Gefährder prophylaktisch eingesperrt. Läge Molenbeek in Syrien, wären dort Fassbomben abgeworfen worden; anderswo, nicht weit entfernt von den Grenzen der EU, hätten Milizen oder Sondertruppen den Stadtteil "ausgeräuchert".

Die Stärke dieses Europas aber liegt gerade in Momenten der Gefahr darin, dass man sich sicher ist, was man nicht werden will: kein Gefängnisstaat, kein Notstandsgebilde und nicht einmal eine Festung, auch wenn manche EU-Politiker(innen) halbautoritär in diese Richtung schwafeln. Aus der Geschichte des Terrorismus kann Europa durchaus lernen: Jene Gruppen gewalttätiger Stadtguerilleros, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren in Deutschland oder Italien mordeten, haben keineswegs das, was sie für das "Schweinesystem" hielten, beseitigt.

Auch wenn in der Gesellschaft damals durchaus Ansätze für einen neuen Autoritarismus bestanden, wurde diese Tendenz überwunden - genauso überwunden wie der Terrorismus von RAF und Roten Brigaden. Die offene Gesellschaft hat gewonnen. Sie wird, wenn sie denn offen bleibt, auch diesmal wieder siegen.