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Terrorgefahr:So sichert Frankreich die Fußball-EM ab

French police and gendarmes are seen during a visit at a fanzone ahead of the UEFA 2016 European Championship in Nice

Französische Polizisten sichern die Fanmeile in Nizza.

(Foto: REUTERS)
  • Zur Europameisterschaft bietet Frankreich alle Sicherheitskräfte auf, die es mobilisieren kann.
  • 42 000 Polizisten, 30 000 Gendarmen, 5200 Techniker des Zivilschutzes sowie 10 000 Soldaten werden das Event schützen.
  • Sorgen machen den Sicherheitskräfte besonders die sogenannten weichen Ziele, darunter die Fan-Zonen.

Von Christian Wernicke, Paris

Im Ernstfall wird die App schweigen. Kein Laut, keine Vibration soll den Handy-Besitzer verraten: Es könnte ja sein, dass der Empfänger sich - wie die Geiseln im Konzertsaal Bataclan während der Pariser Terrornacht des 13. Novembers - irgendwo vor Terroristen versteckt hält. "SAIP", die neue Terrorwarn-App des französischen Innenministeriums, wird auf dem Display aller Handys feuerrot leuchten, die das Ministerium per Geo-Lokalisation in der Nähe eines Attentats ortet. Der Benutzer kann einen Link anklicken und lesen, was er tun soll: "Zeigen Sie sich nicht, verstecken Sie sich" lautet wenig originell SAIP-Ratschlag Nummer eins.

Seit Mittwoch ist "SAIP" - die Abkürzung steht für "System zur Alarmierung und Information der Bevölkerung" - auf dem Markt. Nur zwei Tage vor dem Anpfiff des Eröffnungsspiels an diesem Freitag setzt die französische Regierung noch einmal ein kleines Zeichen, wie ernst sie das Risiko von Anschlägen auf die 2,5 Millionen erwarteten Besucher nimmt. Die Spieler der Euro 2016 kicken in höchster Gefahrenstufe.

Streit über die Fanz-Zonen

Frankreich bietet alle Sicherheitskräfte auf, die es mobilisieren kann: 42 000 Polizisten, 30 000 Gendarmen, 5200 Techniker des Zivilschutzes sowie 10 000 Soldaten werden die Europameisterschaft schützen. Hinzu kommen noch 12 000 bis 13 000 Angestellte privater Sicherheitsfirmen. In 30 Manövern haben die Behörden diverse Ernstfälle durchgespielt: Attentate mehrerer Gotteskrieger mit Kalaschnikows und Sprenggürteln, Geiselnahmen, Anschläge auf Busse und Bahnen. Und den Einsatz von Chemiewaffen. Die Generalproben, so versichern Experten, hätten zwar gut geklappt. Aber absolute Sicherheit gebe es nirgendwo. "Hundert Prozent Vorsorge bedeutet nicht null Risiko", räumte Ende Mai auch Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve ein.

Die zehn Stadien, in denen bis zum 10. Juli die 51 Spiele des Turniers ausgetragen werden, sind nicht die größte Sorge der Behörden. "Die Ziele der Terroristen sind nicht unbedingt die Orte, die am stärksten gesichert sind", warnt Gendarmerie-General Pascal Bonnaud, "es gibt auch weiche Ziele". Der Offizier meint die S- und U-Bahnen, die zu den Stadien führen, "aber es kann im Grunde jeder verwundbare und irgendwie symbolische Ort im Land sein", ergänzt ein Ministerialbeamter.

Unmittelbar vor dem ersten Anstoß streiten Regierung und Opposition vor allem über die "Fan Zones", französisch für "Public Viewing": Die großen Plätze, auf denen dicht gedrängt vor riesigen Bildschirmen sich bis zu 90 000 Besucher einfinden können, schelten Politiker der konservativen Republikaner als "ein Art von Einladung für IS-Angriffe".

Sicherheitsbudget wurde verdoppelt

Sogar Michel Cadot, der Polizei-Präfekt von Paris, riet zum Abblasen. Vergeblich, die sozialistische Regierung wie auch Anne Hidalgo, die linke Bürgermeisterin von Paris, halten am Plan fest, an 26 Spieltagen die Fans aufs Marsfeld zwischen Militärschule und Eiffelturm zu laden. Hidalgo erinnerte daran, dass es die konservative Regierung unter Präsident Nicolas Sarkozy gewesen sei, die vor Jahren die Verträge mit der Uefa ausgehandelt und eine "Fan-Zone" in jedem EM-Ort zugesagt hatte.

Ursprünglich sollten allein private Sicherheitsfirmen die Kontrollen und den Schutz der Fans vor den Mega-Bildschirmen übernehmen. Dann kamen die Novemberanschläge, das Umdenken begann. Das Sicherheitsbudget wurde auf 24 Millionen Euro verdoppelt, die Schulungen und Tests für die privaten Agenten verschärft. Dennoch, Frankreichs große Sicherheitsfirmen lehnten es allesamt ab, den Schutz der jubelnden Massen zu übernehmen. Den Job teilen sich nun sechzig kleinere Firmen. Die 3500 für die Kontrolle von Fans vorgesehen Agenten mussten sich alle einer polizeilichen Sicherheitsüberprüfung unterwerfen - und prompt spürten die Behörden bei 82 Kandidaten aktenkundige Hinweise dafür auf, dass diese "eine Bedrohung der staatlichen Sicherheit" verkörperten. Den Verdächtigen wurde die Akkreditierung entzogen, ihr Einsatz wurde untersagt.

© SZ vom 09.06.2016/anri
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