Terroranschlag in Paris 2015:"Die Wut kanalisieren"

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Terroranschlag in Paris 2015: Trauer vor der Bataclan-Konzerthalle in Paris im November 2016. Ein Jahr zuvor hatten Terroristen in dem Viertel 130 Menschen ermordet.

Trauer vor der Bataclan-Konzerthalle in Paris im November 2016. Ein Jahr zuvor hatten Terroristen in dem Viertel 130 Menschen ermordet.

(Foto: Michel Euler/AP)

In Frankreich geht der Bataclan-Prozess in die letzte Phase. Die Staatsanwaltschaft forderte am Freitag eine lebenslange Haftstrafe für den einzigen überlebenden Terroristen.

Von Nadia Pantel, Paris

In Paris ist der Prozess zu den Anschlägen des 13. November 2015 in seine letzte Phase gegangen. Seit Mittwoch trug die Staatsanwaltschaft ihr Schlussplädoyer vor. Für die drei Anti-Terrorstaatsanwälte Camille Hennetier, Nicolas Braconnay und Nicolas Le Bris gestaltete sich dieses Schlussplädoyer wie eine Herkulesaufgabe. Sie setzten das "riesige Puzzle" aus Zeugenaussagen, Berichten der Hinterbliebenen, Aussagen der Angeklagten und Ermittlungsakten in einem 14-stündigen Vortrag wieder zusammen, der sich über drei Tage erstreckte. Am Freitagnachmittag beendete die Staatsanwaltschaft ihr Plädoyer mit hohen Strafforderungen.

Unter den 20 Angeklagten ist auch Salah Abdeslam, der einzige Überlebende unter den Terroristen. Für ihn forderte die Staatsanwaltschaft eine lebenslange Haft mit unbegrenzter Sicherheitsverwahrung. Es ist eine Strafe, die bisher nur viermal verhängt wurde. Salah Abdeslam hatte vor Gericht zwar einerseits seine Treue zu der Terrormiliz Islamischer Staat betont und zu seinem Bruder Brahim Abdeslam, der am 13. November zu den Tätern gehörte und in einer Bar einen Sprengstoffgürtel zündete. Gleichzeitig beharrte er darauf, er habe sich bewusst dagegen entschieden, Menschen zu töten.

Terroranschlag in Paris 2015: Die Zeichnung aus dem Gerichtssaal in Paris zeigt den Angeklagten Salah Abdeslam.

Die Zeichnung aus dem Gerichtssaal in Paris zeigt den Angeklagten Salah Abdeslam.

(Foto: BENOIT PEYRUCQ/AFP)

Am 13. November 2015 hatte das islamistische Terrorkommando, zu dem die Brüder Abdeslam gehörten, in Paris in Bars und Restaurants und im Konzertsaal Bataclan 130 Menschen umgebracht. Für die neunzehn weiteren Angeklagten forderte die Staatsanwaltschaft zwischen fünf Jahren Haft und lebenslang.

Das Plädoyer der Staatsanwaltschaft half, die vergangenen neun Monate zu ordnen. Seit September läuft der Prozess gegen 20 Angeklagte in der Mitte von Paris in einem eigens gebauten Saal im historischen Justizpalast. Der Staatsanwalt Nicolas Braconnay sagte in seinem Plädoyer, dass die Täter nur eines eine: Ihr Bekenntnis zu einem "islamistischen Dschihad".

1800 Nebenkläger hatte der Prozess

"Soziologisch und psychologische" Faktoren könnten zwar auch eine Rolle spielen, doch man urteile nicht "über die Verdammten dieser Erde" oder über Menschen "die ein Kindheitsmartyrium" hinter sich gehabt hätten. Es sei zudem islamistische Propaganda, wenn Anhänger des IS wiederholt, auch im Gericht betonten, die Attentate seien als Gegenschlag gegen das Eingreifen der französischen Armee in Syrien durchgeführt worden.

Die Planung der Attentate habe begonnen, bevor Frankreich eine aktivere Rolle im Syrien-Krieg einnahm. Staatsanwalt Braconnay nannte "die Kontinuität zwischen algerischen Dschihadisten der Neunzigerjahre und zentralen Figuren bei der Terrormiliz IS" einen der "Schlüssel", um die tiefe Feindschaft der Attentäter gegenüber Frankreich zu verstehen.

Die Staatsanwältin Camille Hennetier wies zudem auf die Grenzen dieses Prozesses hin, auf dem eine Hoffnung gelegen hätte, die "manchmal zu groß für diesen Prozess war". Gleichzeitig seien es die Aussagen der Opfer, die "zweifellos von diesem Prozess bleiben werden". Hinterbliebene und Überlebende hätten durch ihre Aussagen ein "entgegengesetztes Spiegelbild" geschaffen, sie hätten auf "die Finsternis" mit "Offenheit und Toleranz" reagiert. Sie hätten "die Stärke der Überlebenden der Feigheit der Mörder entgegengestellt". Die Aufgabe der Justiz sei es, "zu rationalisieren, was irrational erscheint", sie "kanalisiere die Wut und gibt dem Undenkbaren Wörter".

Nicht alle der 1800 Nebenkläger reisten nach Paris, um auszusagen, doch alle Nebenkläger konnten den Prozess über ein Prozess-Radio verfolgen. Zudem wurde der als historisch geltende Prozess auf Video aufgezeichnet.

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