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Terroranschläge in Europa:Al-Qaidas einsame Krieger

Der Attentäter von Toulouse hatte zwar Verbindungen zu al-Qaida - handelte jedoch höchstwahrscheinlich allein. Für das Terrornetzwerk werden Einzeltäter wie Merah immer wichtiger. Eine entscheidende Rolle bei der Radikalisierung europäischer Sympathisanten spielt das Internet.

Als "Mudschahed" hat sich Mohamed Merah bezeichnet, als Gotteskrieger: Der Mann, der in und um Toulouse sieben Menschen erschossen haben soll, war nach eigenen Angaben Mitglied im Terrornetzwerk al-Qaida. Er habe mit seinen Taten palästinensische Kinder rächen und gegen das Burkaverbot in Frankreich sowie den Einsatz der französischen Armee in Afghanistan protestieren wollen, teilte er einige Stunden vor seinem Tod mit.

Merah soll sich mehrfach in Afghanistan und Pakistan aufgehalten haben, unter anderem im Grenzgebiet beider Länder, das als Hochburg von al-Qaida gilt. Aber erfüllte er tatsächlich einen konkreten Auftrag des Terrornetzwerks? Al-Qaida hat sich auch bisher nicht zu den Attacken bekannt. Nach Merahs Tod hat sich die al-Qaida-nahe Gruppe Dschund al-Chilafah (Die Soldaten des Kalifats) zu den Atttentaten bekannt.

Experten zufolge ist es jedoch nicht unwahrscheinlich, dass der Täter zwar Verbindungen zu al-Qaida hatte, die Morde aber eigenständig geplant hat. Einzeltäter werden für das Terrornetzwerk immer wichtiger, erklärt Joachim Krause, Leiter des Instituts für Sicherheitspolitik der Universität Kiel, das das Jahrbuch Terrorismus herausgibt. "Das ist ein Trend. Die Attentäter werden durch regionale Milieus wie Hassprediger oder durch das Internet radikalisiert, nach Afghanistan oder in den Jemen geschickt, kommen zurück und verüben Anschläge."

Al-Qaida setzt mehr und mehr auf Einzeltäter

Krause unterscheidet zwei Gruppen. "Es gibt Attentäter, die auf Anordnung handeln, spezielle Ziele angreifen - so wie zum Beispiel der sogenannte 'Unterhosenbomber', der an Weihnachten 2009 ein Flugzeug sprengen sollte." Dieser sei von einem Al-Qaida-Anführer jahrelang ausgebildet und dann auf eine konkrete Mission geschickt worden.

"Es gibt aber auch Fälle, in denen kein nachweisbarer direkter Kontakt stattfand", erläutert der Experte. Als Beispiel nennt er den Attentäter, der im März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschoss und zwei weitere schwer verletzte. Dieser sei hauptsächlich im Internet radikalisiert worden und wollte nach Auffassung der Staatsanwaltschaft seinen persönlichen Beitrag zum Dschihad leisten.

Das Internet spiele vor allem bei Anschlägen in Europa eine große Rolle, sagt Krause. Das Jahrbuch Terrorismus 2010 geht von etwa zehn zentralen arabischen Diskussionsforen aus, die direkt mit al-Qaida verbunden sind. Die dort verbreiteten Ideen würden aber vielfach von Sympathisanten aufgegriffen und im ganzen Netz weiterverbreitet. Alle europäischen Dschihadisten der vergangenen Jahre, die Attentate planten, schauten sich Propagandavideos an.

Das Jahrbuch Terrorismus spricht angesichts der unübersichtlichen Struktur von "Milliarden gleichberechtigter Knoten". Die dezentrale Struktur ermögliche eine besonders hohe Partizipation und erschwere eine "Enthauptung" - jeder Knoten werde gleich von einem anderen ersetzt.

Wie sich al-Qaida seit 2001 verändert hat

Die Dezentralisierung des Dschihad im Netz finde sich auch in der realen Welt, sagt Experte Krause. Al-Qaida habe sich im vergangenen Jahrzehnt stark verändert. "Vor dem Einmarsch der westlichen Truppen 2001 hatte al-Qaida in Afghanistan die Taliban, die ihnen den Rücken freigehalten hatten. Sie konnten sich also in aller Ruhe und sehr detailliert auf Anschläge vorbereiten." Nur so sei ein Attentat wie der 11. September überhaupt möglich gewesen.

Inzwischen aber sitze der klassische Al-Qaida-Kern im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet fest und sei von etwa 1000 Mitgliedern auf 300 geschrumpft. Sie seien kaum mehr in der Lage, Attentate zu planen - "sie sind dort gefangen, stehen ständig unter Beschuss". Dafür hätten sich dezentrale Ableger in Ostafrika und auf der Arabischen Halbinsel gebildet.

"Gerade die Al-Qaida-Kämpfer auf der Arabischen Halbinsel, vor allem im Jemen, rutschen immer mehr in die Rolle hinein, die früher die al-Qaida in Afghanistan und Pakistan hatte", sagt Krause. Hier ginge man von etwa 1000 aktiven Mitgliedern des Terrornetzwerkes aus. "Wie sie organisiert sind, weiß keiner genau", sagt Krause. Doch obwohl die al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel zahlenmäßig das Potential hätte, zum neuen Kern der Bewegung zu werden, unterscheide sich die Situation dort grundlegend von jener in Afghanistan vor dem Einmarsch des Westens. Ihnen fehle ein schlagkräftiger Verbündeter, wie ihn der alte Al-Qaida-Kern in den Taliban hatte.

Die meisten Experten, so schreibt Krause in seinem Aufsatz "Al-Qaida nach Bin Laden", der im Jahrbuch Terrorismus 2012 erscheinen wird, gingen deswegen davon aus, dass das Netzwerk massiv geschwächt sei. Seit Ende 2001 sei es der Kerngruppe von al-Qaida nicht mehr gelungen, Anschläge in den USA oder Europa durchzuführen. Dennoch hätten diverse von al-Qaida inspirierte Anschläge stattgefunden - wie etwa die Anschläge auf die U-Bahnen von Madrid und London in den Jahren 2004 und 2005.

Al-Qaida in Deutschland

Die Gefahr bleibe also trotz der Schwächung des Al-Qaida-Kerns bestehen. Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, warnt deswegen, dass es Anschläge wie in Toulouse auch in Deutschland geben könne. "Von den rund tausend Sympathisanten des dschihadistischen Terrorismus in Deutschland sind nach Kenntnis der Sicherheitsbehörden etwa 250 Personen in terroristischen Ausbildungscamps im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet gewesen und haben an Trainings teilgenommen", sagte Wendt Handelsblatt Online.

Weder Polizei noch andere Behörden könnten aber 250 "Gefährder" ständig überwachen - ein Problem, vor dem anscheinend auch die französischen Sicherheitskräfte standen. Sie hatten den Attentäter von Toulouse zwar im Blick, konnten die Anschläge jedoch nicht verhindern.

© Süddeutsche.de/beitz

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