Terroranschläge in Brüssel:Abschottung und Verbindungen nach Frankreich

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Die Abschottung mancher Teile Molenbeeks geht angeblich so weit, dass sie als nahezu rechtsfrei gelten. Und gerade in dieser Abschottung liegt offenbar ein wichtiger Unterschied zu anderen belgischen Gemeinden mit einem ähnlich großen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund.

Ein solcher Ort ist etwa Mechelen, wo jeder zweite Jugendliche marokkanische Wurzeln hat. Von hier aus hat sich noch niemand nach Syrien aufgemacht. Weil man dort aufeinander zugehe und sich die marokkanischen Jugendlichen gegenseitig kontrollieren würden, erklärte Yves Desmet, Chefredakteur der Zeitung De Morgen, vor etwa einem Jahr der SZ.

So stark die Abschottung in Molenbeek aber auch ist: Die jungen Menschen mit nordafrikanischer und arabischer Abstammung, die dort leben, pflegen offenbar enge Verbindungen nach Frankreich. Diese Verbindung spiegelte sich etwa in der Zusammensetzung der Terrorgruppe wider, die die Anschläge in Paris verübte.

"Die Belgier waren naiv", schreibt Hertmans, "sie waren nicht darauf vorbereitet, dass sich die sozialen Probleme der Banlieues, ein Erbe, das bis zum Algerienkrieg zurückreicht, in das französischsprachige Belgien exportieren würde, wo ehemalige Syrienkämpfer aus Frankreich leichter vom Radar der Polizei verschwinden können".

Lasche Sicherheitspolitik

Ein weiteres Problem ist, dass die belgischen Sicherheitsbehörden die Radikalisierung unter den jungen Muslimen nicht scharf genug beobachtet haben. Das dürfte zum Teil an einer schlecht organisierten und zu laschen Sicherheitspolitik liegen.

So konnte die extreme salafistische Gruppe Sharia4Belgium, die Belgien in einen islamischen Staat verwandeln wollte, mehrere Jahre lang öffentlich auftreten. 2012 erklärte sich die Organisation dann selbst für aufgelöst, nachdem ihr Anführer verhaftet wurde. Und erst 2015 wurde sie von einem belgischen Richter schließlich als Terrororganisation bezeichnet.

Schwierig war und ist die Arbeit der belgischen Behörden, weil sich die religiösen Extremisten unauffällig unter die Mehrheit der friedlichen Muslime mischen. So sei es für Menschen mit sehr schlechten Absichten auf der Durchreise leichter, anonym zu bleiben, sagte Molenbeeks Bürgermeisterin Schepmans der Zeitung La Dernière Heure.

Organisiertes Chaos bei Sicherheitsfragen

Eine weitere Ursache ist aber offenbar auch, dass Brüssel bei Sicherheitsfragen "das perfekte Beispiel für organisiertes Chaos" sei, wie etwa Hans Bonte, Bürgermeister der Vorortgemeinde Vilvoorde, vor einigen Monaten kritisierte.

Brüssel ist aufgeteilt in 19 Gemeinden mit jeweils eigenen Bürgermeistern, es gibt sechs Polizeidistrikte, die Stadt ist - wie das ganze Land - gespalten zwischen Flamen und Wallonen, die jeweils niederländisch oder französisch sprechen. Und es gibt flämische Parteien, die ein unabhängiges Flandern von Belgien abspalten wollen. Viel Potenzial für Konflikte und Reibereien also, die effizientes Behördenhandeln behindern können.

Wer sich durch die vielen Artikel liest, die im Lichte der jüngsten Terror-Attacken über Belgien geschrieben wurden, der bekommt jedenfalls den Eindruck, dass der Terrorismus ein Symptom ist in einem Land, das von einer ganzen Menge grundsätzlicher Probleme geplagt wird:

Von Parallelgesellschaften ist da die Rede, von anarchischen Verhältnissen, von zu vielen Kulturen und Religionen, zu vielen Nationalitäten, die alle in dem kleinen Land miteinander auskommen sollen - ohne dass die Politik darauf bislang angemessen reagiert hätte. Manchmal fällt sogar der schlimme Begriff "Failed State", ein gescheiterter Staat.

Nach den aktuellen Anschlägen und den Vorwürfen, denen sich viele Muslime in Belgien und andernorts wieder ausgesetzt sehen werden, ist zu befürchten, dass frustrierte muslimische Jugendliche sich noch stärker ausgegrenzt und abgelehnt fühlen. Es ist ein Teufelskreis - der mit jedem Anschlag neuen Schwung bekommt.

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