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Terrorabwehr:Italiens Strategie ist ein Spiel mit dem Feuer

Nach jetzigem Erkenntnisstand ist auszuschließen, dass Anis Amri als radikaler Islamist Europa erreichte. Stattdessen soll er während seiner Haftstrafe in Palermo mit dem Islamismus in Kontakt gekommen sein. Gefängnisse seien - neben dem Internet - zentral bei der Radikalisierung junger Männer, so der italienische Premier Paolo Gentiloni Anfang des Jahres. Die Dynamiken dort seien unterschätzt worden.

Dass der Weg in die Radikalisierung oft auf europäischem Boden beginnt, ist allerdings keine Neuigkeit. Seit den Anschlägen von London 2005 weiß man: Die größte terroristische Bedrohung für westliche Staaten kommt aus dem Inneren, sogenannter homegrown terrorism. Der Großteil der Attentäter von London, den Angriffen in Paris und Brüssel, fallen in dieses Muster: Sie sind im Gegensatz zu Amri sogar im Westen geboren, sind Belgier, Franzosen oder Briten.

In ihrer Rekrutierungspropaganda appellieren Organisationen wie der "Islamische Staat" an die Identität von jungen Menschen muslimischen Glaubens. Sie argumentieren, dass sie in ihren Heimatgesellschaften nicht willkommen seien - und sich dem Kampf gegen den Westen als Wertegemeinschaft anschließen sollten. Ziel sind dabei nicht primär Einwanderer, sondern die zweite oder dritte Generation.

Wie soll man damit umgehen? "Ein Gegennarrativ schaffen", sagt Ahmad Mansour. Er ist Programdirektor bei der European Foundation for Democracy und der Beratungsstelle Hayat, einer Organisation, sich mit Präventionsarbeit und De-Radikalisierung befasst: "Man muss den Leuten vermitteln, dass sie dazugehören. Sonst überlässt man den Islamisten das Feld."

"Wenn wir nicht verhaften können, dann schieben wir ab"

Dass sich die terroristische Bedrohung ändert, versteht man auch im italienischen Innenministerium, deswegen gibt es die Kommission unter der Leitung Vidinos. Als sein Report präsentiert wird, sagt der Innenminister: "Nicht nur Prävention, sondern auch De-Radikalisierung muss stattfinden". Er meint dabei vor allem eines: "In den vergangenen zwei Jahren haben wir 133 Personen präventiv aufgrund von Verbindungen zum islamistischen Extremismus abgeschoben" - per Dekret. Lorenzo Vidino nennt das "Italiens kleinen Trick": "Wenn wir nicht verhaften und wegsperren können, dann schieben wir einfach ab."

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Wie soll das funktionieren bei dieser neuen Generation von im Westen radikalisierten Männern, die nicht im Ausland geboren sind?

Wer in Deutschland als Kind ausländischer Eltern geboren wird, bekommt die deutsche Staatsbürgerschaft, wenn ein Elternteil acht Jahre in Deutschland gelebt hat. "Diese Reform hat es in Italien nicht gegeben", so Vidino. Migration aus islamischen Ländern nach Italien habe erst in den neunziger Jahren wirklich begonnen, zwei Jahrzehnte später als in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien. In Italien gilt noch das "Blutsrecht", man bekommt den Pass der Eltern - sind diese keine Italiener, bleibt man also auf dem Papier "Ausländer". Von den schätzungsweise 1,3 bis zwei Millionen Muslimen in Italien haben deswegen nur etwa fünf Prozent die italienische Staatsbürgerschaft.

"Eine Steilvorlage für islamistische Extremisten" nennt so etwas Ahmad Mansour. "Wenn wir den Menschen symbolisch, wie durch eine Verweigerung der Staatsbürgerschaft, und auch im Alltag vermitteln, dass sie nicht dazugehören, schaffen wir die Probleme der Zukunft." Dem schließt sich auch Vidino an: "Aus dem kurzfristigen Blick der Terrorbekämpfung ist unsere jetzige Strategie perfekt - langfristig allerdings, von einer Integrationsperspektive aus betrachtet, sendet sie kein gutes Signal."

Junge Muslime in Italien sehen sich einem gefährlichen Diskurs gegenüber. Die radikale Abschiebepraktik, ermöglicht durch die Regelung der Staatsbürgerschaft, ist nur eine Manifestation des Verhältnisses von Italien zu seinen neuen Bürgern - und lenkt vom eigentlichen Problem ab: In "Italien fehlt jegliche gesellschaftliche Anstrengung in Bezug auf Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Ein politischer Diskurs ist akzeptabel, der in Deutschland nicht denkbar wäre", so Vidino, der auch Professor an der George Washington University in Washington ist. Und weiter: "Die italienische Identität beruht noch sehr stark auf den Attributen weiß und katholisch. Es ist verständlich, wenn sich Menschen nicht zugehörig fühlen."

Dass Repression allein nicht reicht, ist also auch in Italien angekommen. Doch noch habe sich nichts geändert, sagt Vidino: "Anti-Terror, das fällt noch in den Bereich der Sicherheitskräfte, eine gesellschaftliche Anstrengung fehlt." Dass Anis Amri in Italien erwischt wurde, erstaunt nicht. Genauso wenig allerdings, dass er sich dort radikalisierte.

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