Terror:Versicherungsbetrug zur höheren Ehre des Heiligen Kriegs

Die beiden festgenommenen mutmaßlichen islamistischen Terroristen haben sich eine neue Form der Finanzierung des Terrors ausgedacht: Lebensversicherungen.

Von Hans Leyendecker und Annette Ramelsberger

Berlin - Im Sommer vergangenen Jahres fiel der in Bonn lebende staatenlose Palästinenser Yasser Abu S., 31, bei einer Polizeikontrolle auf. Die Beamten fanden bei dem exmatrikulierten Medizinstudenten Hasspredigten und Videos, in denen der Heilige Krieg propagiert wurde.

Für eine Festnahme reichte es nicht, aber fortan wurde S. vom Staatsschutz überwacht. Sein Telefon wurde angezapft.

Im September 2004 hatte S. den in Mainz lebenden arbeitslosen Iraker Ibrahim Mohamed K., 29, am Apparat. Beide redeten über den Kampf im Irak.

Der Bonner Medizinstudent S. sollte in das Zweistromland reisen und einen Selbstmordanschlag verüben. Fortan wurde auch K. abgehört.

Die Behörden schalteten den Karlsruher Generalbundesanwalt ein, der im Oktober 2004 ein Ermittlungsverfahren wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung (129b) einleitete.

Der Arbeitslose und der ehemalige Medizinstudent parlierten des öfteren - und die Mithörer vom Amt wurden nicht nur Ohrenzeugen, wie ein Angehöriger des Terrornetzwerks al-Qaida einen Sympathisanten für einen Selbstmordanschlag rekrutierte, sondern wie sich die beiden auch eine ganz neue Form der Finanzierung des Heiligen Krieges ausdachten.

Einer Finanzierung mit Hilfe der deutschen Assekuranz. Abu S., das war den Telefonaten zu entnehmen, hatte bereits fünf Lebensversicherungen mit diversen Versicherungsunternehmen abgeschlossen, bei mehreren anderen Unternehmen wurden weitere Anfragen von ihm geprüft.

Für seinen Todesfall sollten seine Angehörigen Summen zwischen 23.000 und 235.000 Euro erhalten. Insgesamt 832.640 Euro.

Geplant war, dass S. vor dem Selbstmordattentat im Irak einen tödlichen Verkehrsunfall in Ägypten vortäuscht. Ein Onkel sollte dort die nötigen Papiere beschaffen.

Diese Papiere sollten dann über die Anwälte der Familie S. an die Versicherungen weitergeleitet werden, um das Geld zu bekommen. Der Großteil der Summe war für die Kosten der Reise in den Irak nebst Anschlagsvorbereitung vorgesehen, ein Teil sollte in die Kasse der al-Qaida fließen. Den Rest sollte die große Familie von S. bekommen.

Auch für seine Ehefrau war ein wenig vorgesehen: S. hat die gebürtige Syrerin erst im Dezember geheiratet, wenige Tage, nachdem die Frau die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatte.

Daraufhin sprach er alle zwei Tage bei der Ausländerbehörde vor, um eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Unklar ist, wovon das Ehepaar, das in der Nähe der König-Fadh-Akademie in Bonn wohnte, gelebt hat.

"Die Beschuldigten haben eine anspruchsvollere Form der Allgemeinkriminalität mit der Unterstützung von Terror verbunden", sagt Oberstaatsanwalt Hartmut Schneider von der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe.

Bisher waren Islamisten vor allem durch Kreditkarten- und Passfälschungen aufgefallen, mit der sie die Logistik der al-Qaida unterstützten. Versicherungsbetrug zur höheren Ehre des Heiligen Krieges ist etwas Neues.

Ibrahim Mohamed K, der sich am Telefon damit brüstete, er sei in Ausbildungslagern der al-Qaida gewesen und habe später gegen die Amerikaner in Afghanistan gekämpft, hatte offenbar den klaren Auftrag, Kämpfer zu werben.

Berliner Sicherheitsexperten sorgen sich vor allem darum, dass hier - ähnlich wie im Fall des geplanten Attentats auf den irakischen Premier Allawi kurz vor Weihnachten - der Schritt vom Verbalradikalismus zur Tatvorbereitung getan wurde.

Weniger Sorgen machen sie sich indes wegen des Urans, das der Iraker K. angeblich besorgen wollte.

K., der in Deutschland gelegentlich als Hilfsarbeiter gearbeitet hatte, aber offenbar über keine physikalischen oder chemischen Fertigkeiten verfügte, schwadronierte am Telefon darüber, dass al-Qaida die Bombe brauche.

Er verwendete Codewörter und erzählte einem Freund, eine Gruppe in Luxemburg solle den Kauf von 48 Gramm hochangereicherten Uran organisieren. K. trat tatsächlich mehrmals telefonisch an einen Mittelsmann im Ausland heran, der ihm Kontakt zu der Gruppe verschaffen sollte. Doch das gelang nicht.

Unklar ist, ob es die Gruppe überhaupt gibt. Und mehr als mysteriös ist auch das nukleare Material selbst. K. hatte nach eigenen Aussagen von einem ausländischen Freund erfahren, dass der das Uran gestohlen habe und bei der Gruppe lagere. Das hört sich nach Einschätzung von Ermittlern aber eher nach Geschichten aus Tausendundeiner Nacht an.

Das Uran selbst, so sagen Experten, sei - selbst wenn es sich um hochangereichertes und nicht nur um angereichertes Material gehandelt habe - relativ unbedeutend und könne kaum zum Bau einer so genannten schmutzigen Bombe verwendet werden.

Es gehe vor allem um den kriminellen Aspekt, den "Handel mit der Angst", wie BND-Sprecherin Michaela Heber sagt. Aber auch der müsse verhindert werden.

© SZ vom 25.1.2005
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