Terrorprozess in München:Sechs Jahre Haft für fränkische Heilpraktikerin

Susanne G. wird steht wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat in München vor Gericht.

Seit Ende April stand Susanne G. vor dem Oberlandesgericht München - der Vorwurf gegen sie: Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.

(Foto: Frank Hoermann/imago images/Sven Simon)

Susanne G. hat Politiker bedroht und einen Brandanschlag geplant - aus einer "nationalsozialistischen Gesinnung" heraus, wie das Oberlandesgericht München befindet. Es schickt die Frau ins Gefängnis.

Von Annette Ramelsberger

Weil sie Politiker bedroht und einen Brandanschlag vorbereitet hat, muss die Rechtsterroristin Susanne G. aus Franken für sechs Jahre in Haft. Das Oberlandesgericht (OLG) München sah es als erwiesen an, dass die Heilpraktikerin in den Jahren 2019 und 2020 Grußkarten mit Drohungen an einen Bürgermeister und einen Landrat verschickt hatte. Zudem hatte sie sich mit Waffen und Materialien zum Bau einer Bombe eingedeckt.

Die 55-Jährige sei "fest entschlossen" gewesen, einen Brandsatz herzustellen und zu zünden, sagte der Vorsitzende Richter Michael Höhne in der Urteilsbegründung. Damit habe sie einen Amtsträger oder einen Anhänger des muslimischen Glaubens treffen wollen. Dafür habe sie unter anderem Flaschen mit Benzin in ihrem Auto gelagert. Das Handeln der Angeklagten sei einer "nationalsozialistischen Gesinnung" entsprungen, an der sie keinen Zweifel gelassen habe. Susanne G. musste sich seit Ende April vor dem OLG München wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat verantworten.

Mit dem Urteil folgte das Gericht der Forderung der Bundesanwaltschaft nach einer Strafe von sechs Jahren Haft. Die Anwälte der Nebenklage, die die beiden Politiker vertreten, hatten auf ein schärferes Urteil von acht Jahren Gefängnis plädiert. Die Verteidigung hatte dagegen einen Freispruch beantragt, da die Schuld ihrer Mandantin, die die Vorwürfe gegen sich zurückwies, nicht erwiesen sei.

Am letzten Verhandlungstag vor dem Urteil hatte G.s Verteidiger Wolfram Nahrath keinen Zweifel daran gelassen, worum es ihm in diesem Verfahren ging. Er bezog sich in seinem Plädoyer ausgiebig auf Adolf Hitler und Joseph Goebbels, die erklärt hätten, dass die nationalsozialistische Partei "jede Ungesetzlichkeit" verbiete. "Jede Gewalttat gegen den Staat verbietet sie, bekämpft auf das Schärfste das politische Attentat", zitierte Nahrath Hitler. Das sollte offenbar zeigen, dass Anhänger Hitlers keine Attentate auf Politiker planen, wie das Susanne G. vorgeworfen wurde. Auch von Goebbels brachte der Anwalt die Worte: "Deutschland ist aus ehrlichstem Herzen bereit, am Frieden mitzuwirken."

Der Verteidiger zitierte Hitler und Goebbels - wieder einmal

Eine ganze Litanei an Zeugenstimmen pro Nationalsozialismus klang durch den Gerichtssaal - genauso wie vor drei Jahren im Prozess um die Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), wo Nahrath den NSU-Helfer Ralf Wohlleben verteidigt hatte, der der Terrorzelle die Tatwaffe besorgt hatte. Auch damals hatte Nahrath diese Zitate gebracht. Er war in seiner Jugend selbst Vorsitzender der rechtsradikalen Wiking Jugend - bis diese verboten wurde.

Nahrath hatte versucht, Susanne G. als harmlose Frau darzustellen. "Der Senat hat es mit einer nicht vorbestraften, familiären Mittfünfzigerin zu tun, eine begeisterte Leistungssportlerin, mit hohen Sympathiewerten, hilfsbereit, mit einer bemerkenswerten Lebensleistung", sagte er in seinem Plädoyer. Susanne G. hatte eine eigene Praxis als Heilpraktikerin und Physiotherapeutin. Was die Anklage als deutliche Anzeichen für eine Hinwendung zum Nationalsozialismus wertete - ihre vielen einschlägigen Tätowierungen und das Wort "Staatsfeind" auf der Brust - das sah ihr Anwalt völlig anders: "Spät im Leben hat sie die Liebe zum deutschen Volk gefunden."

Immer mal wieder waren Vertreter dieses sehr speziellen Ausschnitts des deutschen Volkes im Gerichtssaal: streng gescheitelte Männer in Outdoor-Kleidung, manchmal mit eindeutig rechten Tätowierungen. Als Susanne G. sie erblickte, legte sie ihre Hand auf das Herz und nickte ihnen ergriffen zu.

G. engagierte sich auch für die rechtsextremistische Partei "Der III. Weg"

Susanne G. war zunächst im Nürnberger Motorradclub Gremium MC, dann Mitglied in der rechtsextremistischen Kleinpartei "Der III. Weg", wo sie auch als Ordnerin bei Aufmärschen auftrat. Auch für die sogenannte Gefangenenhilfe hatte sie sich engagiert, die rechtsmotivierte Straftäter im Gefängnis betreut. Dadurch war sie in Kontakt mit den NSU-Helfern Ralf Wohlleben und André Eminger gekommen, mit denen sie sich intensiv per Brief austauschte und später auch privat besuchte. Wohlleben nannte sie "Susl mit den Zauberhänden".

In ihrem letzten Wort hat Susanne G. erklärt, dass sie alle, die sie kennen, als "bodenständig" und "grundehrlich" beschrieben. Selbst in der Justizvollzugsanstalt Nürnberg habe man zu ihr immer gesagt: "Bei Ihnen wissen wir, woran wir sind." Sie habe in ihrem ganzen Leben nie Gewalt gegen Menschen und Sachen geübt. Ihr letzter Satz war: "Mir soll hier großes Unrecht geschehen, denn ich habe in meinem Leben anderen Menschen nur Gutes getan."

Nun hat das Gericht sein Urteil gesprochen.

© SZ/dpa/rabe/kast/berj
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