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Anschläge von Waldkraiburg:"Ich war nicht bei mir"

"Alles lief gut" in der Kindheit, sagt der Angeklagte, und doch wurde er glühender Anhänger der Terrororganisation Islamischer Staat.

(Foto: Sven Hoppe/AFP)

Er wollte den Türken in Deutschland schaden - durch Brandanschläge, möglicherweise durch Bomben: Beim Prozessauftakt gesteht der Attentäter, entschuldigt sich bei den Opfern - und will alles nicht so gemeint haben.

Von Annette Ramelsberger

Dass hier etwas nicht stimmen kann, drängt sich auf den ersten Blick auf. Das ganze Setting dieses Terrorprozesses wirkt wie aus einer skurrilen Versuchsanordnung.

Der Angeklagte: 26 Jahre alt, ein Typ wie ein Rechtsreferendar, in Bayern geboren, im Marienwallfahrtsort Altötting aufgewachsen. In schwarzem Anzug und weißem Hemd sitzt er leicht gebeugt auf der Anklagebank. Er spricht leise, mit weichem, oberbayerischen Akzent. Man kann sich kaum vorstellen, dass er zehn Jahre lang glühender Anhänger der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) war.

Seine Eltern: Die Mutter Kurdin, der Vater Türke, beide seit 1984 in Bayern, fleißig, mit eigenem Haus. Muslime, aber nicht sehr religiös. Eine ganz normale Kindheit habe er gehabt, sagt der Sohn, "alles lief gut".

Die Anschlagsziele: ein Friseursalon, ein Döner-Kebab, ein Früchtemarkt, das Haus eines Imams, alles in der kleinen Stadt Waldkraiburg östlich von München, auf Menschen, die seit langem in Bayern leben, in den Augen des Angeklagten aber einen Makel haben: Sie tragen einen türkischen Namen. Dabei ist sein Vater selbst Türke.

Er wollte den Türken in Deutschland schaden

Das Motiv: Die Bewunderung des Angeklagten für den Islamischen Staat und seine Überzeugung, die Türken täten alles, um den IS zu bekämpfen. Deswegen wollte er den Türken in Deutschland schaden - durch Brandanschläge, möglicherweise durch Bomben auf das türkische Generalkonsulat in München und die DITIB-Moschee in Köln. Zumindest steht es so in der Anklageschrift des Generalbundesanwalts. Sie wirft ihm Mordversuch in 31 Fällen vor bei zwei Anschlägen - einmal auf das Haus eines Imams, wo die Familie mit drei kleinen Kindern schlief. Einmal auf einen Gemüseladen, über dem 26 Menschen schliefen. Sie konnten sich gerade noch retten.

Mit etwas weniger Glück hätten in Waldkraiburg Menschen sterben können - so wie einst in Mölln und Solingen, wo ebenfalls Brandsätze auf Schlafende geworfen worden waren. Muharrem D. ist gezielt vorgegangen. Im Internet bestellte er sich Magnesiumpulver, Schwefel, Schwefelsäure, Glycerin. Kiloweise, für hunderte Euros. Dazu Rohrstücke, die er zu Rohrbomben verarbeitete. Und eine Pistole hatte er sich besorgt. "Er spürte den Drang, seinen Hass auszuleben", sagt Oberstaatsanwältin Verena Bauer.

Was es wirklich mit diesem Angeklagten auf sich hat, soll nun das Oberlandesgericht München herausfinden. Denn mittlerweile ist der IS-Anhänger nicht mehr Terror-Fan, sondern ein reuiger Sünder - etwas, was man in Altötting seit Alters her kennt. "Ich weiß, dass ich selbst schuld bin", sagt er gleich zu Beginn des Prozesses. Und dass er nichts mehr mit dem IS zu tun haben wolle. Zehn Jahre seines Lebens seien vergeudet. Auch seine Frau, angetraut nach islamischem Ritus, habe ihn verlassen, weil er auf seinem Laptop Hinrichtungsvideos des IS schaute. Zu seiner Tochter aus der Ehe hat er keinen Kontakt.

Die Brandsätze, die Buttersäure: Alles tue ihm leid

Ein schlanker Mann sitzt da, akkurat geschnittene Haare, Brille. Er entschuldigt sich bei seinen Opfern, sagt sich los vom IS, von seinem Türkenhass. Alles tue ihm leid. Und er verspricht: Nie mehr werde er in eine Moschee gehen, er werde bei seiner Familie bleiben. "Ich werde das Muttersöhnchen bleiben." Und dann sagt er noch einen Satz, mit dem er alles wegwischen will, was er bisher getan und gesagt hat. All die Eimer voller Buttersäure, die er in Geschäfte geschüttet hat, die Brandsätze, die er gelegt hat. Aber auch die Dinge, die er bei der Polizei erzählt hat: dass die Anschläge von Waldkraiburg nur die Spitze des Eisbergs seien, dass er schon neue plane, dass er einen Mitwisser habe. Er sagt nur: "Ich war nicht bei mir."

Alles war gut gelaufen in seinem Leben, die Kindheit, die Schule, er hatte Freunde. In der Realschule nahm er dann Drogen, Marihuana, "da hat die Psyche geschwächelt", sagt er. Dann habe er sich für den Islam interessiert, sich IS-Videos angesehen, Tag und Nacht. Es sei immer um die Türken gegangen, dass die so grauenvoll seien, sagt er. "Ich habe mich radikalisiert, unbewusst".

Familie und Freunde wenden sich ab

Bald hatte er keine Freunde mehr, die Familie wandte sich ab. "Ich hatte einen Tunnelblick, es war nur noch der IS da." Erst in der Untersuchungshaft habe er einen klaren Kopf bekommen, sagt Muharrem D. "Im Gefängnis ist mir klargeworden, dass die Welt bunt ist, und es nicht immer ums Schlachten geht und ums Kämpfen. Wenn ich im Fernsehen sehe, dass die Leute sich verstehen, dann geht mir das Herz auf."

Der Vorsitzende Richter Jochen Bösl müht sich redlich, diesen Angeklagten zu verstehen, ihn auf irgendeine Aussage festzunageln. Denn Muharrem D. widerspricht sich, ständig. Sagt, dass er gar keine Menschen verletzen wollte, dass er es nur auf die Gebäude abgesehen habe. "Aber", sagt der Richter, "Sie haben doch erklärt, dass Sie mit Ihrer Pistole drei Imame erschießen wollten?" Die Antwort ist lang, stockend. Man kann sie so zusammenfassen: Ja, war aber nur so 'ne Idee, hätte er aber nie getan.

Muharrem D. sagt auch, er habe nicht gewusst, dass in einem Haus, wo er Feuer legte, die Familie des Imam geschlafen habe. Er habe das für ein "Konferenzzentrum" gehalten. "Aber", sagt der Richter, "in der Vernehmung bei der Polizei haben Sie von der "Schlafstätte des Imam" gesprochen." Die Antwort des Angeklagten, in Kürze: Kann sein, kann nicht sein. Und er habe auch nicht gesehen, dass über dem Früchtemarkt, den er anzündete, noch Wohnungen seien. Er gehe immer gebückt und schaue auf die Straße. "Da muss man schon sehr in den Boden reinschauen", sagt der Richter. Er seufzt. Muharrem D. sagt zum Richter: "Danke für Ihre Geduld." - "Und was haben Sie gedacht, wie sich das Feuer weiterentwickelt?", fragt der Richter. "Vielleicht dass es wieder ausgeht", sagt der Angeklagte leise. Da wird der Richter deutlich: "Die meisten Brandstifter legen ein Feuer, damit es brennt und nicht, damit es ausgeht."

Sein Anwalt Christian Gerber sagte gleich zu Beginn, er gehe davon aus, dass Muharrem D. nur eingeschränkt schuldfähig sei. Ein Psychiatrischer Gutachter hatte festgestellt, dass der Angeklagte an einer Form der Schizophrenie leidet. Ob das wirklich so schwerwiegend ist, muss erst der Prozess erweisen. Es würde zumindest einiges an seinem Verhalten erklären.

© SZ
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