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Terror in Paris:Und wieder führt die Spur nach Belgien

Polizeieinsatz in Molenbeek in der Nacht der Anschläge: Straßen wurden abgesperrt und mehrere Tatverdächtige festgenommen.

(Foto: AFP)
  • In Belgien wurden insgesamt sieben Menschen festgenommen, die Verbindungen zu den Attentaten von Paris haben könnten. Zwei der Attentäter, die bei den Anschlägen ums Leben kamen, sollen zuletzt in Belgien gewohnt haben.
  • Mehrere der Verdächtigen wurden im Brüsseler Stadtteil Molenbeek festgenommen. Dort wurden in der Vergangenheit immer wieder Terrorverdächtige verhaftet oder im Zuge von Ermittlungen Wohnungen durchsucht.
  • Aus keinem anderen Land sind bezogen auf die Gesamtbevölkerung so viele Dschihadisten nach Syrien gezogen wie aus Belgien.

Es ist eine breite Spur, die von den Pariser Attentaten nach Belgien führt, genauer: in die Hauptstadt Brüssel, in den Einwanderer-Stadtteil Molenbeek. Bei einer Razzia der Polizei wurden dort am Samstag zwei Menschen festgenommen. Inzwischen werden aus Brüssel sieben Festnahmen gemeldet.

Einer der Verdächtigen soll am Freitagabend in Paris gewesen sein. Zwei der Attenttäter, die bei den Anschlägen in Paris ums Leben kamen, haben der Brüsseler Staatsanwaltschaft zufolge zuletzt in Belgien gewohnt. Beide seien französische Staatsbürger gewesen.

Die Pariser Behörden hätten um Amtshilfe gebeten. Unter anderem sei es auch um Informationen zu einem in Belgien angemeldeten Mietwagen gegangen, einem VW Polo, der in der Nähe des Pariser "Bataclan" gefunden wurde.

Als Reaktion verschärften die belgischen Behörden die Sicherheitsvorkehrungen. Es gelte nun die höchste von drei Warnstufen, da eine "glaubhafte und möglicherweise unmittelbare Bedrohung" bestehe, erklärte die belgische Regierung nach einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrats. Die Maßnahme betrifft etwa große Sportereignisse oder offizielle Veranstaltungen. Wie seine Pariser Kollegen sagte Innenminister Jan Jambon: "Belgien befindet sich im Krieg mit dem Islamischen Staat." Er werde sich jetzt "persönlich" um den Fall Molenbeek kümmern.

Immer wieder wurden in Molenbeek Terrorverdächtige festgenommen oder im Zuge von Ermittlungen Wohnungen durchsucht. Erst im August hatte nach einem Angriff auf einen Thalys-Hochgeschwindigkeitszug eine Spur nach Molenbeek geführt. Der 25-jährige Marokkaner, der von Fahrgästen niedergerungen wurde, stammte aus dem Stadtteil. Ebenso zwei Islamisten, die am 15. Januar in Verviers bei einem Polizeieinsatz getötet wurden, nur einen Tag vor einem Attentat, das die beiden mit einem Komplizen ausüben wollten, der festgenommen wurde.

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Bürgermeister hält Attentat in Brüssel für "unausweichlich"

Beim Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo im Januar gab es ebenfalls Verbindungen nach Belgien. Ein Mann aus Charleroi hatte mit dem Attentäter Amedy Coulibaly über den Kauf eines Autos und von Waffen verhandelt. Und auch Belgien selbst war Ziel eines Attentats: Im Mai 2014 erschoss der Islamist Mehdi Nemmouche im jüdischen Museum vier Menschen.

Der Franzose wurde später im südfranzösischen Marseille verhaftet und nach Belgien ausgeliefert. Verurteilt ist er noch nicht. Belgische Sicherheitsexperten rechnen seit Langem mit weiteren Anschlägen. Yvan Mayeur, der Bürgermeister von Brüssel, hält ein neuerliches Attentat in der Hauptstadt sogar für "unausweichlich".

Innenminister Jambon von der flämisch-nationalistischen N-VA will nun in Molenbeek aufräumen. In Antwerpen sowie in der Brüsseler Umlandgemeinde Vilvoorde, wo Polizei, Staatsschutz und soziale Einrichtungen gut zusammenarbeiteten, sei es gelungen, den Export von Dschihad-Kämpfern nach Syrien zu stoppen. Er wolle nun wissen, warum das nicht auch in Brüssel gelingen könne. "Das kann so nicht bleiben."

Auf einer Veranstaltung hatte Jambon in der vergangenen Woche durchaus eine Erklärung genannt für das Versagen der Obrigkeit in Molenbeek: die Zersplitterung des Landes, den fatalen Streit zwischen Flamen und Wallonen, die kaum mit- und oft sogar gegeneinander kämpfen. Zu viele nationale und regionale Kompetenzen würden die Hauptstadt zertrennen und machten den Anti-Terror-Kampf kompliziert. "Brüssel hat 1,2 Millionen Einwohner", sagte Jambon. "Und trotzdem haben wir sechs Polizeien... New York hat elf Millionen Einwohner. Wie viele Polizeien gibt es dort? Eine."

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Täglich 100 000 Twitter-Botschaften vom IS an potentielle neue Anhänger

Es sei schwer, die Rekrutierung von Dschihad-Kämpfern zu stoppen. Mehr als 100 000 Twitter-Botschaften sende der IS täglich an potentielle neue Anhänger. Sehr beliebt sei auch die Kommunikation über die Spiele-Plattform Playstation 4, die noch schwerer aufgedeckt werden könne als jene über Whatsapp oder andere Smartphone-Applikationen. Aus keinem anderen Land sind bezogen auf die Gesamtbevölkerung so viele Dschihadisten nach Syrien gezogen wie aus Belgien. Weil das Land insgesamt so schlecht organisiert ist, können sich die Islamisten unerkannt bewegen.

Radikale Organisationen wurden kaum ernst genommen, geschweige denn bekämpft. Die wichtige, inzwischen verbotene salafistische Gruppe Scharia4Belgium hat man jahrelang offen operieren lassen. Laut Staatsanwaltschaft rekrutierte die Gruppe jeden zehnten Syrien-Kämpfer und betrieb ein Zentrum, in dem Jugendliche, die zum Teil wenig über den Islam wussten, einer Gehirnwäsche unterzogen wurden.

"Dieser Kampf ist unser aller"

Außerdem ist Molenbeek ein sozialer Brennpunkt. In dem Stadtteil, der westlich des Kanals liegt, der von Norden nach Süden durch Brüssel fließt, sieht es ein bisschen schmutzig aus, aber nicht ungemütlich. Es gibt viele Märkte und kleine Geschäfte. Und doch betritt man einen Bereich Brüssels, der sich stark unterscheidet vom gutsituierten Rest der Stadt: Etwa ein Drittel der 95 000 Einwohner hat keinen Job, mehr als ein Viertel keinen belgischen Pass.

Nun schauen sie in Belgien wieder auf die Vertreter der Muslime, ja auf jeden mit muslimischen Wurzeln, verlangen Erklärungen oder, eher noch, Distanzierungen. Etwa von Zakia Khattabi. Doch die Ko-Präsidentin der wallonischen Grünen hat sich geweigert, in den Medien aufzutreten und ein solches Statement abzugeben. Sie besuchte wie geplant einen Kongress der Grünen im französischen Lyon und sagte auf dem Podium nur ein paar Sätze, mit den Tränen kämpfend.

Sie spreche sonst nicht über ihre muslimischen Wurzeln. "Ich bin zutiefst laizistisch, die Frage stellt sich nicht." Aber jetzt, dieses eine Mal, werde sie es tun: "Ich nehme diese Identität an, um euch zu sagen: Ich kann euch allen, jedem, in die Augen schauen und sagen: Das ist nicht das, was meine Eltern mir übermittelt haben. Ich möchte, weil ich Teil einer Gemeinschaft bin, meine Solidarität ausdrücken und meine ganze Wut. Dieser Kampf ist unser aller, woher wir auch kommen, welchen Hintergrund wir auch haben."