Terror in Berlin Die letzten Tage im Leben des Anis Amri

Am 21.12.2016 veröffentlichte das Bundeskriminalamt (BKA) Fahndungsfotos des Berliner Weihnachtsmarkt-Attentäters Anis Amri. (Foto: dpa)

(Foto: dpa)

Seit dem Anschlag in Berlin haben die Behörden mit gewaltigem Aufwand das Leben des Terroristen rekonstruiert. Was hat ihn dazu gebracht, den letzten Schritt zu tun?

Von Georg Mascolo

Am frühen Morgen des 22. November 2016, exakt um 5.53 Uhr, klickt Anis Amri zum letzten Mal die italienische Internetseite "Pornototale" an. Seit einer Haftstrafe auf Sizilien spricht er die Sprache leidlich. Aber all zu viel wird in solchen Filmen ohnehin nicht gesprochen. Zuvor hat er viel Zeit damit verbracht, auf Seiten wie "Orgie Porno" oder "Streaming Sex-Free Porn". Die französische Porno-Größe Manuel Ferrara, der in mehr als 1300 einschlägigen Produktionen mitgespielt hat, scheint es ihm besonders angetan zu haben.

Wenn es einen Tag gibt, an dem Anis Amri die unumkehrbare Entscheidung trifft, zum Mörder zu werden - es ist wahrscheinlich dieser 22. November. An diesem Dienstag im Herbst vergangenen Jahres hört Amri auf, Pornofilme zu schauen. Ab jetzt sucht er im Netz nur noch Seiten auf, in denen es um Tod, Gewalt und Mord geht. Es sind die Links, die zum sogenannten Islamischen Staat führen. In dessen Namen und im Namen seines fehlgeleiteten Glaubens wird er knapp drei Wochen später zwölf Menschen töten, in jenem Land, das ihn zeitweilig als Flüchtling aufgenommen hat.

Am Tag zuvor hat neben der Berliner Gedächtniskirche einer der beliebtesten Weihnachtsmärkte der Stadt eröffnet, bunte Buden, Glühwein, alles angestrahlt von der längsten Lichterkette der Welt am Europa-Center. Ein Ort voller ausgelassener Menschen. Amri kommt an diesem 22. November zum ersten Mal hierher, er besichtigt seinen späteren Tatort. Noch sechsmal wird er zurückkehren, bevor er einen mit 25 Tonnen Baustahl beladenen Lastwagen mitten in das Gedränge lenkt. Am 12. Dezember, da ist es noch eine Woche bis zu dem Massaker, schaut er sich gleich zweimal um. Als wolle er Maß nehmen, dreht er ein wackeliges Handy-Video, auf dem die Kirche und der Breitscheidplatz zu sehen sind. 20 Sekunden lang ist der Clip.

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Seit dem verheerendsten Anschlag, den je ein Islamist in Deutschland verübt hat, haben Polizei und Justiz mit gewaltigem Aufwand das Leben des Tunesiers Anis Amri rekonstruiert, der 24 Jahre alt wurde. Hunderte Beamte der Sonderkommission "City", die das Bundeskriminalamt eingerichtet hat, und einige der erfahrensten Ermittler des Generalbundesanwaltes haben Freunde, Mitbewohner, Glaubensbrüder des Attentäters befragt. Und obwohl dieser Amri ein Sicherheitsfanatiker war, ständig seine Chat-Verläufe löschte und schwer abzuhörende Messenger-Dienste verwendete, ist es gelungen, einen Teil seiner Kommunikation wiederherzustellen. Amerikanische Behörden haben dabei geholfen.

Wichtigstes Beweisstück aber ist ein am Tatort gefundenes Handy der Marke HTC. Es war durch die geborstene Frontscheibe aus dem Lkw katapultiert worden und lag vor dem Fahrzeug. Amri hatte vergessen, den Google-Ortungsdienst zu deaktivieren. Dadurch wissen die Ermittler, wo er in den Monaten vor der Tat war, manchmal auf Meter und Minute genau. Ein Glücksfall, um Stück für Stück die Geschichte eines Massenmörders zu rekonstruieren, bis hin zum Morgengebet am Tag der Tat.

Eine neue Spielart des Terrorismus

Das Verfahren 2 BJs 235/16-3 hat bisher ergeben, dass es in Deutschland keine Mitwisser gab. Andernorts aber muss es sie gegeben haben. Mindestens einer, womöglich auch mehrere Instrukteure des sogenannten Islamischen Staates standen mit Amri vor und auch während der Tat in Verbindung. Ihre Namen sind nicht bekannt, ermittelt wird daher gegen unbekannt wegen Beihilfe zum Mord und zum versuchten Mord. Als wahrscheinlich gilt aber, dass die berüchtigte IS-Abteilung "Externe Operationen", die schon bei den Anschlägen in Paris und Brüssel eine entscheidende Rolle spielte, beteiligt war.

Es ist eine neue Spielart des Terrorismus: Dschihadisten suchen über das Netz nach tatbereiten Islamisten in Europa, leiten sie an, drängen sie, endlich zuzuschlagen. Mord per Fernsteuerung. "Das sind regelrechte Headhunter", sagt der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen. Allein vier solcher Anschläge gab es im vergangenen Jahr in Deutschland. Im Fall Amri kannten der oder die Instrukteure offenbar sogar die Details des Plans. Kurz nachdem Amri den polnischen Lastwagenfahrer Łukasz Urban in den Kopf schoss und sich an das Steuer der schweren Zugmaschine setzte, schickte er ein Foto aus dem Führerhaus und eine kurze Nachricht: "Ich bin jetzt in der Karre, verstehst du."

Die Ermittlungen haben ein anderes Ziel als die Arbeit der Untersuchungsausschüsse und Sonderermittler in Bund und Ländern. Es geht weder um echte oder vermeintliche Fehler, noch um Schwachstellen der Terrorismusbekämpfung. Oder den jüngst aufgekommenen hässlichen Verdacht, dass im Berliner Landeskriminalamt Akten gefälscht wurden, um zu vertuschen, dass man Amri nicht wegen gewerbsmäßigen Drogenhandels inhaftierte, obwohl es Beweise gegeben haben soll. Die akribische Spurensuche dient dem Zweck, herauszufinden, was Amri dazu brachte, diese Tat zu begehen. Was bringt einen Islamisten dazu, den letzten Schritt zu tun?

Es ist die entscheidende Frage für Behörden, die beinahe zusammenbrechen unter der Last der vielen Verdachtsfälle. Allein etwa 660 islamistische Gefährder, Menschen also, denen man einen Anschlag zutraut, gibt es in Deutschland. Aber wer ist Maulheld, wer Täter?

Anis Ben Othman Amri war das jüngste von neun Kindern eines Gemüsehändlers, seine Schwester sagt noch heute mit einem Kopfschütteln, ihr Anis habe sich doch nie für Religion interessiert. Warum dann für sie töten?

Auch auf den Manchester-Attentäter Salman Abedi gab es früh Hinweise. Er war einer von 20 000, die sich in den Akten des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 finden. Aber keiner der 3000, gegen die ermittelt wurde. Gesucht wird eine Art Raster, um Maulhelden von Mördern unterscheiden zu können.

Über den Fall Anis Amri ist viel geschrieben und noch mehr behauptet worden. Heraus kam das Bild von mehr als 50 Behörden, die früh von Amris Gefährlichkeit wussten, von 13 eingeleiteten Ermittlungsverfahren und elf Besprechungen im Gemeinsamen Terrorismus-Abwehrzentrum. Von einem Staat, dem es dennoch nicht gelang, Amri abzuschieben, einzusperren oder wenigstens unter Kontrolle zu halten.

Es ist das Bild eines Mannes, der kurz nach seiner Einreise nach Deutschland im Sommer 2015 begann, in islamistischen Zirkeln zu verkehren und erklärte, er könne "problemlos eine Kalaschnikow in Napoli" besorgen. Oder in Paris. Er betete mit dem inzwischen inhaftierten mutmaßlichen IS-Chefideologen in Deutschland und konnte es gar nicht erwarten, in seiner neuen Heimat Menschen zu töten. Er wartete nur auf die richtige Gelegenheit.

Die Ermittler aber puzzeln jetzt ein anderes Bild zusammen. Demnach überlegte Amri tatsächlich zwischen Dezember 2015 und Februar 2016, einen Anschlag zu begehen. Aber obwohl er radikalisiert war, blieb er unentschlossen, wankelmütig. Er begann, sein Leben in Deutschland "zu hassen", wie es ein Freund aussagte, und schrieb schon im April 2016 an einen IS-Verbindungsmann in Libyen: "Bei Gott, es ist seltsam, hier gibt es Nacktheit und schwere Fitna." Fitna ist das arabische Wort für Versuchung.

Demnach wollte dieser Amri am Ende nur noch raus aus Deutschland, wollte gar nicht auf dem Berliner Breitscheidplatz morden, sondern in Syrien oder dem Irak. Als Kämpfer des IS. Es war dann der IS, der ihn davon überzeugte, in Berlin zu bleiben. Ganz so, wie es bereits seit 2014 zur Strategie der Terroristen gehört: "Die kleinste Tat, die ihr in eurer Heimat ausführt, ist besser und uns lieber als die größte Tat bei uns."

Amri sei, heißt es in Ermittlungskreisen eine labile Person gewesen, ohne jeden Halt, unfähig und unwillig sich integrieren. Erst spät, im Herbst 2016, sei sein Entschluss zur Tat gereift. Das habe der sogenannte Islamische Staat erkannt - und auch das große, das mörderische Potenzial Amris.

Es gehört zur Tragik der Geschichte, dass die Behörden diesen jungen Mann genau dann für nicht mehr besonders gefährlich halten, als er gerade besonders gefährlich wird. Ihn falsch einschätzen, nachdem sie ihn zunächst richtig eingeschätzt hatten. Nach monatelangen Ermittlungen glauben sie, dass Religion für Amri keine große Rolle mehr spielt, er ins Drogenmilieu abgerutscht ist. Das ist nicht einmal falsch, aber es sind eben Ereignisse in der Drogenszene, die eine neue Dynamik in Gang setzen.