Bei den Anschlägen vom 11. September 2001 war kein Gramm Sprengstoff nötig, um mehr als 3000 Menschen in den Tod zu reißen. Es genügten kleine Teppichmesser, um Passagierflugzeuge in Massenvernichtungswaffen zu verwandeln, gerichtet auch gegen Hochhäuser, in denen Tausende Menschen saßen. In Nizza nun brauchte es nicht einmal mehr das. Der Täter setzte sich hinter das Lenkrad eines Lastwagens. Jeder kann ein solches Fahrzeug mieten, man muss es nicht einmal kapern, man muss nur einen Führerschein vorlegen. Und wieder wurde das Verkehrsmittel selbst zur Waffe.
Lange haben sich westliche Terrorermittler vor allem auf das Thema Hightech konzentriert. Sie haben die Spur von Bombenbauanleitungen durch das Netz verfolgt, um dann am Ende, oft mit Erleichterung, zu erleben, dass auch die simpelste Bombe nicht so simpel zu bauen ist, wie mancher Euro-Dschihadist vielleicht denkt. Für Deutschland war das bisher ein Glück: Bei den Kofferbombern von Köln 2006 waren es die Zünder, bei denen die zwei islamistisch motivierten Täter gestümpert hatten. Bei der Sauerlandgruppe 2007 war es das chemische Gemisch, das Polizisten unbemerkt verändern konnten.
Inzwischen aber, so sagt ein deutscher Verfassungsschützer, der die islamistische Szene seit Jahren beobachtet, sorge man sich immer mehr ausgerechnet wegen der technisch schlichter werdenden, das heißt "idiotensicheren" Methoden. Wenn die Täter auf Sprengstoff oder Kugeln verzichten, dann sinkt ihr Risiko, an der Technik zu scheitern, ebenso wie ihr Risiko, den Ermittlern frühzeitig aufzufallen. Es werden keine Waffen mehr geschmuggelt; es wird kein Bleich- oder Düngemittel mehr gekauft. Das macht solche Attentatspläne gefährlicher.
Bisher haben Einzeltäter fast nie derart viele Menschen umbringen können
Ob nun der Amokfahrer in Nizza von dschihadistischen Gruppen inspiriert war oder nicht, werden die Ermittlungen erst zeigen müssen. Klar ist aber: Aufforderungen zu derartigen Lowtech-Attacken ohne Sprengstoff und Kugeln gibt es seit Jahren. Das Tatmuster, das jetzt an der Côte d'Azur zur Anwendung kam, hat einer der Sprecher der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), Abu Mohammad al-Adnani, bereits im September 2014 für seine europäischen Sympathisanten ausbuchstabiert. Wenn es nicht möglich sei, im Herzen westlicher Gesellschaften an schwere Waffen zu gelangen, dann gebe es noch andere Möglichkeiten: "Zerschmettert seinen Kopf mit einem Stein, schlachtet ihn mit einem Messer, überfahrt ihn mit einem Auto, werft ihn von einem hohen Platz nach unten, erstickt oder vergiftet ihn", sagte er. Ähnliches gab Jahre zuvor schon ein Al-Qaida-Großpropagandist von sich, der in den USA geborene Anwar al-Awlaki, der die Idee hatte, Öl auf westliche Autobahnen zu schütten - die Ungläubigen würden mit ihren Wagen in den Tod schlittern. Abseits der im engeren Sinne dschihadistischen Szene kennt man das Muster auch von militanten Palästinensern (siehe Artikel unten).
Ob nun der Täter von Nizza bei seiner Lowtech-Attacke am Donnerstagabend allein handelte oder zumindest bei der Vorbereitung durch Hintermänner unterstützt wurde, wird sich erst zeigen. Am Ort des Geschehens aber handelte er alleine - und damit fügt sich seine Tat noch in eine zweite Entwicklungslinie ein, die den dschihadistischen Terror gegen westliche Ziele derzeit auf besorgniserregende Weise prägt.
Die Attacken von sogenannten "einsamen Wölfen", also Einzeltätern, die auf Kommunikation mit anderen nicht angewiesen sind, gelten schon lange als gefährlicher Trend. Vorab sind solche Täter kaum zu entdecken. Zuletzt war das Phänomen etwas in den Hintergrund gedrängt worden durch das, was der Bundesnachrichtendienst das "Comeback der komplexen Anschläge" nennt: etwa in Paris im vergangenen November oder in Brüssel im März dieses Jahres, wo größere Gruppen nach einem komplizierten Plan zuschlugen. Sie mordeten an mehreren Orten gleichzeitig, um mehr Wirkung zu erzeugen.
Neu ist allerdings, dass auch die Einsamer-Wolf-Attacken, die nicht auf diese Weise komplex sind, tödlicher werden. Bislang galten sie zwar als grausam, aber meistens in ihrer Wirkung beschränkt. Einer Axt oder einem Messer fielen nicht sonderlich viele Menschen zum Opfer, und auch die drei bekannten Fälle mit Autos - einer in Kanada, zwei vor Weihnachten 2014 in Frankreich - endeten mit geringen Opferzahlen oder, wie in Frankreich, nur mit Verletzten. Ein britischer Thinktank, das Royal United Services Institute, hat unlängst ausgerechnet, dass solche Einzeltäter im Schnitt 1,99 Tote und 4,58 Verletzte zurückließen. Diese Opferzahlen wären sogar noch niedriger gewesen, wenn die Forscher nicht den rechtsextremistischen norwegischen Attentäter Anders Breivik mit hineingerechnet hätten. Blickt man nur auf islamistische "Wölfe", dann wären es pro Anschlag sogar nur 1,22 Tote und 2,13 Verletzte gewesen. Das hat sich jetzt geändert.
Orlando war bereits anders. Bei der Attacke eines 29-jährigen Amerikaners auf die Besucher eines Schwulen-Nachtklubs am 12. Juni kamen 49 Menschen sowie der Attentäter ums Leben. Der Angreifer, der sich in einem Anruf bei der Polizei zum IS bekannte, hatte die Menschen gefangen gehalten, für viele gab es kein Entkommen.
Auch Nizza ist anders. Ein einzelner Amokfahrer hat dort ohne jede sichtbare Unterstützung von außen und abermals praktisch ohne herkömmliche Waffen 84 Menschen ermorden können. Es ist ein Szenario, wie es Terrorismus-Fachleute seit Längerem befürchten, simpel, aber grausam, wie aus einem Hollywood-Katastrophenfilm entliehen. Und es bringt eine Erkenntnis mit sich, die über den Schock, die Wut, das Entsetzen von Nizza hinaus noch lange beunruhigend bleiben wird.
Nizza zeigt: Es braucht keine Waffentechnik mehr, um derartigen Massenmord anzurichten, es genügt Lowtech. Es braucht auch keine elektronische Konspiration mehr, um große Anschläge mit vielen Toten zu planen, es geht auch alleine. Es gibt gar kein Muster mehr.
